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Rundreise

CapeTown Posted on Sun, December 27, 2009 21:05:56

Klausuren, Reisevorbereitungen und die Reise selbst haben mich seit Ewigkeiten davon abgehalten endlich mal wieder hier zu bloggen. Aber da die meisten ohnehin nur Bildchen sehen möchten: bitte sehr! Eine Sammlung der Highlights unserer bisherigen Reise.

Wen der Verlauf unserer Reise genauer interessiert sollte mal bei Linas Blog vorbei schauen (für alle anderen: da gibt es auch noch weitere Fotos!).

Die Lagune von Knysna auf der Garden Route.

Robberg Nature Reserve bei Plettenberg Bay (auch noch Garden Route).

Dieser Wasserfall im Tsitsikama National ergießt sich erst in diesen Süßwasser-Pool und von dort aus über Terrassen direkt ins stürmische Meer.

Lesotho, das Berg-Königreich,…bereist man am besten – wie die meisten Einheimischen auch – zu Pferd oder Pony.

Der Sani-Pass zwischen Lesotho und Südafrika ist zwar nicht der höchste Pass Afrikas, aber sicherlich einer der spektakulärsten.

Auf der südafrikanischen Seite erwarten einen immergrüne Hügel, uralte Wälder und tausend Wasserfälle in den Drakensbergen.

Offenbar waren wir nicht die ersten, die in Giant’s Castle am Fuße der Drakensberge waren.

Vier der “Big Five” im Kruger National Park. Dazu gehören normalerweise auch noch Wasserbüffel, die zwar auch spektakulär, aber weniger fotogen sind. Bilder auf Anfrage zusammen mit denen von Warzenschweinen.

Die “Three Rondavels”, eine Felsformation im Blyde River Canyon westlich des Kruger, die lokalen Rundhütten ähnelt.

Der “Donnernde Rauch”, wie die Einheimischen die Victoria Falls an der Grenze von Zimbabwe und Zambia nennen.

Und schließlich das tier- und pflanzenreiche Okavango-Delta in Botswana.

Beim nächsten Mal gibt es hoffentlich Bilder u.a. von der älteste Wüste der Welt, dem zweitgrößten Canyon der Welt und der “Mother City” bei unserer Rückkehr nach Kapstadt.



Babel

CapeTown Posted on Tue, October 20, 2009 22:47:45

Es ist eine weit verbreitete Ansicht, dass man eine Fremdsprache am
besten durch einen Aufenthalt im jeweiligen Sprach- und Kulturkreis
erlernt. Aus diesem Grund werden jährlich zigtausende Schüler und
Studenten von einer brummenden Austauschmaschinerie in die Welt
hinaus geworfen, um das eigene Leben – vor allem aber den eigenen
Lebenslauf – zu bereichern. Diese Austauschnomaden treffen im
Ausland meist enttäuschender Weise nicht vorwiegend auf urige
Einheimische, sondern auf ihresgleichen.

Wie
Kieselsteine in einem unruhigen Flussbett werden die Austauschnomaden
nun, vom kulturellen Durcheinander hin und her geworfen, nach und
nach zu einer einheitlichen Norm geschliffen – den
„Internationals“. Dieser Prozess braucht seine Zeit und ca. zwei
Austauschprogramme, dann aber ist der ehemalige Nomade im globalen
Dorf sesshaft geworden. Er war dann mindestens 2 Jahre im Ausland,
spricht mindestens drei Sprachen, hat in mindestens vier Ländern
gelebt und sein Small-Talk kommt mit höchstens fünf Themen aus
(Woher kommst du? Was machst du hier? Wie lange bist du hier? Wo
warst Du sonst schon? Sollen wir Nummern tauschen?). Sich selbst
sieht er klammheimlich gerne als aufgeklärte, interkulturell
interessierte Speerspitze der globalen Inteligentia, wobei die Anzahl
der bereisten Länder direkt proportional zur eigenen Toleranz ist.
Eine dem „International“ verwandte Art ist übrigens der
„Backpacker“, dessen einziger Unterschied der ist, dass er im
Gastland nicht an eine Schule oder Uni gebunden ist und deshalb seine
ganze Zeit dem Erleben authentischer Eindrücke widmen kann, wie sie
in seinem abgegriffenen Lonely
Planet

vorgeschrieben sind.

Beiden gemein ist, wie gesagt, der Hang zur Herdenbildung, was den
Fremdsprachenkenntnissen eigentlich nicht gut tun dürfte. Es sei
denn man verbucht es als Erfolg den knorrigen deutschen gegen einen
beliebigen irgendwo-aus-Europa Akzent eingetauscht zu haben.

Aber tausende Personalchefs (die sich gerne Human Resource Manager
nennen, falls sie selber mal ein „International“ waren) können
sich nicht irren. Und ich will auch nicht unfair sein. Natürlich
stimmt es, dass man eine Sprache ganz anders erlebt und erlernt, wenn
man sich ständig in ihrem Wirkkreis aufhält. Der Aufenthalt in
einer anderen Sprache hat aber noch einen weiteren Effekt, den man so
kaum im Englisch- oder Französischunterricht vermitteln kann: der
Alltäglichkeitsschleier, der die eigene Muttersprache umgibt, wird
mit zunehmender Distanz durchsichtiger. Was man vorher nie
hinterfragt, weil von der Wiege auf gelernt hat, kommt einem auf
einmal besonders, eigenartig, vielleicht sogar einzigartig vor.

Ich
hätte nie gedacht, wie sehr ich die deutsche Sprache in ihrer kalten
Präzision vermissen würde. Aber ich tue es. In englischsprachigen
Gesetzen oder Verträgen wird beispielsweise oft und gerne das Wort
„shall“ benutzt. Ob das nun bedeutet, dass der Gegenpart etwas
tun muss,
etwas tun soll,
oder etwas tun sollte
bleibt dabei völlig unklar und ist – ebenfalls oft und gerne –
Grund für Streitigkeiten. Wenn man Glück hat und es z.B. um einen
völkerrechtlichen Vertrag geht, gibt es meist noch andere
Übersetzungen, die diese englische Ungenauigkeit beseitigen können.
Gerade die französische Übersetzung wird dazu gerne heran gezogen,
wahrscheinlich weil Französisch einfach die Sprache der Diplomatie
ist. Und das wiederum könnte daran liegen, dass Französisch zwar so
schön wie ein blumiges Ornament ist, aber auch ebenso
unübersichtlich. Die deutsche Sprache hingegen ist weniger wie ein
Bild, als ein Konstruktionsplan: unübersichtlich und furchtbar
kompliziert für den Laien, hingegen strukturiert und voll nützlicher
Informationen für den, der sich damit auskennt – und das ohne
unnötig Worte zu verlieren. Gerade die Eigenart, Wörter aus
anderen nach Bedarf zusammen bauen zu können wie mit Legosteinen
macht die deutsche Sprache zu dem, was dem verbreitetsten Vorurteil
nach ihre Verwender ohnehin sind: gnadenlos effizient. Es stimmt:
Deutsch klingt nicht so schön wie Französisch, sieht nicht so gut
aus wie Arabisch, wird nicht so viel gesprochen wie Chinesisch und
ist nicht so unglaublich wichtig wie Englisch. Sie ist weniger für
Liebesgedichte gemacht, als für Cornflakes-Packungen. Denn wer auf
einer solchen im südafrikanischen Supermarkt den unbeholfenen
Hinweis

„[This
package is sold by weight not by volume. Some settling of contents
may have occured during shipping and handling
.]“

entdeckt,
wird vermutlich schmunzelnd denken: “[Füllhöhenschwankung
transportbedingt
.]”

Denn
das ist wahre Leistungs-Lyrik.

Nicht immer so einfach, mit der Sprache… Vor allem in einem Land, in dem die Hauptverkehrssprache von fast niemandem muttersprachlich gesprochen wird. Da fühlt man sich doch direkt heimisch.



Bafana Bafana?

CapeTown Posted on Wed, October 14, 2009 14:45:43

Diesmal
also Island. Das heißkalte Inselchen mit nur 300.000 Einwohnern hat
der nicht eben ruhmreichen Statistik der südafrikanischen
Fußball-Nationalmannschaft Bafana
Bafana
eine weitere Schmach
hinzugefügt. Ein gutes halbes Jahr vor der WM im eigenen Land
schwankt Südafrika nun zwischen gekünstelter Vorfreude und
frustriertem Desinteresse.

Während
die Radiostation Good Hope FM
vor jeder Nachrichtensendung tapfer die Tage zum Anstoß runter zählt
ist die Stimmung auf der Straße eher gedämpft. Und das gilt nicht
nur für die weiße Bevölkerung, die ohnehin eher die erfolgreichen
Springboks (Rugby) unterstützt oder die Farbigen, die eher den Siegen der Proteas (Kricket) entgegen eifern. Auch unter der schwarzen
Bevölkerung, in der der Nationalsport Fußball nicht nur geguckt und
diskutiert, sondern vor allem oft, überall und mit Leidenschaft
gespielt wird, bröckelt der Rückhalt. Eine meiner
Kursteilnehmerinnen aus dem Township Khayelitsha hat es gestern so
auf den Punkt gebracht: „Von wegen Unterstützung! Wir sollten die
viel weniger unterstützen. Vielleicht merken die dann, dass man
nicht einfach immer weiter so besch*** spielen kann!“

In dem Land, das
eine der buntesten und schrillsten Wms aller Zeiten ausrichten sollte, wird Fußball mittlerweile zum nicht mehr gesellschaftsfähigen Thema. Wer
gestern versuchte das Spiel gegen Island – eine der wenigen Chancen
auf einen südafrikanischen Sieg – zu gucken, musste investigative
Hartnäckigkeit besitzen. Bafana Bafana
vs. Iceland
wurde wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Kein Einheimischer wollte von dem Spiel wissen, geschweige denn es sehen. Keine südafrikanische
Internetseite gab die Anstoß-Zeit bekannt. In den Kneipen liefen
statt Fußball SoapOperas oder Nachrichten auf Zulu. Auch auf unser
Drängen hin konnte das nicht geändert werden – kein
Fernsehsender, weder öffentlich noch privat, übertrug das Spiel
oder auch nur Zwischenstände. Unbestätigten Gerüchten zufolge
sollte es zwar auf einer unbekannten Internetseite einen Livestream
des Spiels geben…. dem nachzugehen war es uns dann aber doch nicht
wert. Statt dessen saßen wir in einer Sportsbar auf der Lower
Mainroad, tranken ein Castle (das offizielle Bier von Bafana
Bafana
) und schauten die
Live-Übertragung des Spiels Brasilien vs. Costa Rica – wohlgemerkt
das der U20 Mannschaften…

Stell
Dir vor es ist WM und keiner geht hin.

Aber auch ohne hochklassigen Fußball wird die WM in Südafrika ein Erfolg. Hier ein Alternativprogramm:

Die Mother-City vom Lionshead aus gesehen. Oben links LionsRump mit Signal Hill, daneben die City Bowl mit dem Financial District; unten links die City Bowl mit Gardens und den Ausläufern des Devil’s Peak, rechts daneben die Stadteile Gardens, Tamberskloof, Oranjezicht und bereits Teile des Tafelberges…

… und endlich der Tafelberg in seiner ganzen Pracht.



schwarz-gelber Kontinent

CapeTown Posted on Mon, October 05, 2009 11:42:55

Deutschland hat also
gewählt. Und obwohl niemand Selbstmordanschläge, Repressionen, Überwachung oder
auch nur Langeweile beim stundenlangen Schlangestehen fürchten musste war die
Wahlbeteiligung – wieder mal – beschämend gering. Vielleicht ein Grund kurz
inne zu halten und sich zu fragen, ob unsere Staatsform, die wir jedem
aufdrängen, der nicht danach gefragt hat, wirklich so wunderbar ist. Knapp 30
Prozent der Deutschen scheinen da nicht so sicher…

Und diejenigen, die von
ihrem demokratischen Recht Gebrauch gemacht haben, wollten mehrheitlich
schwarz-gelb am Ruder sehen. Aus südafrikanischer Perspektive, artikuliert von
einem Die Welt-Schreiberling in der aktuellen Ausgabe von Mail &
Guardian, ist die sozialromantische Zeit von New Labour in Europa damit
endgültig vorbei. „Merkel could be
Germany’s Thatcher
“ wird freudig und ohne jeden Zynismus getitelt.

Wobei die aktuelle Finanzkrise
nicht durch zu viel Staat, zu rigide Vorschriften, zu erdrückende Steuern oder
zu strikten Kündigungsschutz ausgelöst wurde. Sie wurzelte vielmehr in einem
von Gier befeuerten Streben nach Profit um jeden Preis – genau das, was ein homo
oeconomicus
in einem funktionierenden Markt tun sollte. Wer einen
Dampfkessel immer weiter anheizt muss sich nicht wundern, wenn der schließlich
explodiert – das liegt in der Natur eines
Kessels. Und wenn er explodiert hat nicht der Kessel, sondern der Heizer
versagt. Ungeachtet dessen, dass die Finanzkrise eigentlich die
wirtschaftsliberale Agenda der FDP zu
tiefst erschüttert haben sollte, wird stoisch das Mantra vom selbstregelnden
Markt gebetet. Damit bietet sich die FDP immerhin als unbeirrter, standfester
Fels in der Brandung an, auf den offenbar viele Wähler gebaut haben. Wer es in
einer komplizierten Welt allerdings beruhigend findet, wenn jemand unbeirrt von
vernünftiger, rationaler Argumentation bleibt und standfest die mit der eigenen Vorstellung verbundenen
negativen Konsequenzen nicht erkennt, bzw. nicht anerkennt, der sei daran
erinnert, dass so etwas gemeinhin einen Fanatiker ausmacht.

Aber was hat all das mit
Südafrika zu tun? Nun ja: in gewisser Weise ist Südafrika fast eine
wirtschaftsliberale Utopie. Kein kostenintensives Sozialsystem, so gut wie
nicht vorhandener Kündigungsschutz, geringe Umweltstandards und
wirtschaftsfreundliche Gesetzgebung
bereiten die Arena der größten Wirtschaftsmacht südlich der Sahara. Dass es
dazu kam war kein neoliberales Wunder, sondern der Preis der Freiheit.

Wie Neville Alexander in
seinem Buch An Ordinary Country bemerkt
verlief die Überwindung des Apartheidsregimes in Südafrika deshalb so
glimpflich, weil es letztlich nicht mehr um die Verteidigung der weißen
Vorherrschaft ging – dass diese über kurz oder lang an internationalem und
demographischem Druck scheitern würde war den meisten weißen
Entscheidungsträgern klar. Dies vor Augen ging es der alten Elite nur noch um
die Verteidigung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse. Der Deal lautete:
politische Rechte gegen Sicherung der alten Pfründe. Dieser Pakt wurde
schließlich mit Geld begossen: den ehedem streitbaren Freiheitskämpfern wurde
die Pforte ins goldene Reich des Luxus geöffnet. Sichtbarstes Zeichen dieser
“Black Diamonds” sind ihre schweren Autos. Den Begriff “BMW” umschrieb ein Südafrikaner
beim Gesellschaftsspiel Tabu so:
“Wird von Ministern gefahren”. Die Antwort der Mitspieler kam prompt und
richtig.

Dies alles ist kein
wirtschaftsliberales Phänomen. Es ist aber nötig um zu verstehen, warum trotz
der früheren Nähe des ANC zur kommunistischen Partei und dem Versprechen sozialen
Umverteilung auf ihrer Fahne die auf Jahrhunderten von Separation und
Ausbeutung fußende Verteilung von
Wohlstand in Südafrika auch nach dem Ende der Apartheid nicht angetastet wurde.

Viele (westliche und weiße)
Meinungsmacher behaupten, dass genau das der Grund für den wirtschaftlichen
Erfolg Südafrikas sei. Anders als andere Länder hat(te) Südafrika in der Tat
eine recht robuste Wirtschaft mit teils
ansehnlichem Wachstum. Aber wem nutzt das? Anders als oft behauptet nutzt eine
prosperierende Wirtschaft vor allem denjenigen, die bereits etwas haben:
Kapital, Güter oder wenigstens Arbeit (wobei Arbeiter ohne Kündigungsschutz,
Mindestlohn und sozialer Absicherung ihre wirtschaftliche Teilhabe eher
geliehen bekommen haben). Und wer mehr hat, profitiert auch mehr vom Wachstum.
Weil Südafrika 1994 mit dem Großteil der Bevölkerung als schwarze und farbige
Habenichtse in die Freiheit aufbrach und diese historisch ererbte Ungleichheit
nicht angetastet wurde, hat die südafrikanische Gesellschaft heute die größte
ökonomische Ungleichheit der Welt. Aber es gibt einen kritischen Punkt, ab dem
eine Gesellschaft ökonomische Ungleichheit nicht mehr kompensieren kann. Wenn
die oberen und unteren Enden einer Gesellschaft immer weiter auseinander
gezogen werden reißt irgendwann der stillschweigende Gesellschaftskonsens wie
ein überanspruchtes Gummiband. Die Symptome einer derart zerrissenen
Gesellschaft sind Kriminalität, Misstrauen, und mangelnde Solidarität – und
Südafrika leidet daran mehr als die meisten Länder der Welt. Selbst Freunde aus
Zimbabwe und Kenia – weitaus ärmere Länder als Südafrika – sind von den
hiesigen Verhältnissen schockiert. Denn wer etwas hat flüchtet sich hinter
Mauern, Nato-Draht, Gitter und elektrische Zäune vor denen, die nichts haben.
Das Misstrauen aller gegen alle sitzt tief und ist ansteckend.

Wer glaubt
gesellschaftliche Solidarität – vom Sozial- übers Gesundheitssystem hin zu
Kündigungsschutz – sei ein Relikt aus wirtschaftlich besseren Zeiten, dem sei
eine Reise nach Südafrika abseits der Game Lodges ans Herz gelegt. Wir
sollten uns darüber im Klaren sein, dass wir in Europa deshalb nachts durch die
Stadt gehen können, nicht jedes 2. Kind Opfer von Kriminalität ist und wir
nicht ständig vor unseren Mitbürgern auf der Hut sein müssen, weil unser
Gesellschaftskonsens noch nicht unter dem Druck ungleicher Verteilung zerrissen
ist. Aber Tendenzen sind auch bei uns erkennbar. Der Sozialstaat hat einen Wert
, der weit über materielle Absicherung des Einzelnen hinaus geht – für jeden
von uns. Von hier unten aus habe ich den Eindruck, dass das im ruhigen
Deutschland manchmal allzu leichtfertig vergessen wird.



Land und Landschaft I

CapeTown Posted on Wed, September 23, 2009 10:53:46

Beim
Durchlesen meiner letzten Blogeinträge drängt sich mir der Eindruck auf
Südafrika – und Cape Town im Besonderen – sei… jedenfalls interessant. Ein
Adjektiv, in dem mit der Neugierde auf Unbekanntes auch stets eine gewisse
Zurückhaltung, die Angst und das Misstrauen vor Neuem lauern. Den antiken
Chinesen, ohnehin ein eher beschaulicheres Völkchen, wenn man bedenkt, dass das
Beamtentum (nicht Drachentöter) den höchsten Ruhm genoss, war das Interessante
sogar so unheimlich, dass man es anderen anstelle der Pest (die europäische
Variante) an den Hals wünschte: „Mögest Du in interessanten Zeiten leben!“ Der
langen Einleitung recht kurzer Sinn ist, dass es außer den eher
ambivalent-interessanten Dingen in Südafrika auch einfach nur Schönes gibt.
Eine über den menschlichen Problemchen erhabene, atemberaubende Landschaft mit
einer für Europäer geradezu aberwitzig reichen Tierwelt. Obwohl man auch in
Cape Town Wolken über den Tafelberg fließen sieht und Perlhühner jeden Abend
den Garten bevölkern wird man doch allzu schnell wieder von diesen Wundern
Afrikas abgelenkt – durch den hupenden Minibus neben einem oder den bewaffneten Mitarbeiter einer
privaten Sicherheitsfirma, der die Perlhühner mit seinem über reiche
Grundstücke leckenden Scheinwerferkegel verscheucht. Will man also ungestört
das nur schöne Afrika erleben, muss man dort hin fahren, wo weniger bis gar
keine Menschen sind.

Letztes
Wochenende haben Lina und ich so eine Flucht unternommen und wurden reichlich
dafür belohnt. Durch die umliegenden Berge, die die Küste wie steinerne Wellen
umgeben und zwischen sich große fruchtbare Täler bilden, fuhren wir zunächst in
die Little Karoo. Dem Reiseführer nach sollte es eine Halbwüste sein, mit ihren
saftigen Hügeln hatte diese Trockenzone aber eher sauerländischen Charme – wenn
man von den Straußen am Straßenrand absieht. Diese kleine Enttäuschung wurde
aber vollends durch die Fahrten durch eben jene umgebenden Gebirge kompensiert.
Durch tiefe Schluchten roten Gesteins, das sich fast schon unwirklich gegen
einen strahlend blauen Himmel abzeichnete, ging es weiter in Richtung Küste zum
De Hoop Nature Reserve.

Dort,
am Ende einer schier endlosen Staubstraße, eingerahmt zwischen mit Fynbos (dem
hiesigen etwa brusthohen Buschbewuchs) bedeckten Hügeln, Sanddünen und dem Meer
wurden wir erst einmal von einer Herde Kap-Zebras begrüßt, die sich ohne Scheu
das Grasland neben der Straße mit Elans und Buntböcken teilten. Wir dachten
zuerst unglaubliches Glück gehabt zu haben, aber weit gefehlt. Als wir am
nächsten Tag eine Fahrradtour durch das Reservat zur Küste hindurch machten
kamen wir an ganzen Herden von Wildtieren vorbei und durch eine besonders große
Elan-Herde sogar hindurch. Die Strapazen sein geliehenes Mountainbike über von
Jeepreifen geschlagenen Pfaden durch die trotz frischen Windes immer noch
spürbare Hitze zu quälen sind schlagartig vergessen, wenn sich vor einem der
Fynbos teilt und wahlweise Zebras, Bunt- und Springböcke, Strauße oder Paviane
frei gibt. Und es sollte noch besser kommen.

Endlich
am Meer angekommen hielt ich die vielen schwarzen Schatten vor der Küste
zunächst für kleine Riffe – bis sich eines von diesen Riffen aus dem Wasser wuchtete
und als massiger Wal wieder in die Wellen stürzte. Und es war nicht nur dieser
eine Wal. Von den weißen Sanddünen aus bot sich einem ein Blick über mindestens
ein Dutzend Wale, die mit ihren gewaltigen Flossen winkten, sprangen, prusteten
oder sich einfach von den Wellen hin und her wiegen ließen. Ein unvergesslicher
Anblick, der sich kaum auf Fotos festhalten lässt. Ich hab es trotzdem mal
versucht.

Von
der Fahrradtour und den Eindrücken erschlagen haben wir uns dann erst einmal
eine halbe Stunde aufs Ohr gelegt. Eine Gelegenheit, die Diebe macht… Denn kaum
waren wir aufgewacht sprang keine 30cm von unserem Bett entfernt ein großer
Pavian auf und flüchtete durch ein von uns fahrlässig offen gelassenes Fenster
in der Tür. Offenbar hatte der mit exquisitem Geschmack ausgestattete
Allesfresser die Zeit genutzt, um die sündhaft teure Salami, unsere Kekse und
einen Apfel als Nachtisch aus unserem Rondell zu stehlen und wurde gerade bei
dem Versuch gestört sich an den Kühlschrank zu machen (der zwar leer war, aber
woher soll der Affe das wissen?). Einen Kaffee zum wach werden brauchten wir
beide nicht mehr – so ein Pavian direkt am Bett weckt Urinstinkte und
Adrenalin. Ähnlich wirkt sich übrigens die Entdeckung aus, dass der Stein, auf
dem man eben noch zum Picknick gesessen hat, eigentlich die Unterkunft eines
Skorpions ist… Er war aber friedlich (hatte anscheinend eine lange Nacht) und
hat sich sogar fotografieren lassen.

Am
nächsten Tag wurde sich noch ordentlich von den Walen verabschiedet, dann
fuhren wir weiter zum obligatorischen Touristenfoto am Cape Aghulas. Es gibt nun
einmal Fotos, wie das Stützen des Turmes von Pisa oder der Biss in den Berliner
Fernsehturm, an denen man nicht vorbei kommt. Selbst wenn das gehässige
Stimmchen im Hinterkopf ständig „Tourist! Tourist! Tourist!“ äfft. Denn außer
eben jenen Touristen, einem ganz netten Leuchtturm und – natürlich – dem
südlichsten Punkt des Kontinents gibt es in Cape Aghulas eigentlich nichts zu
sehen. Fotos haben wir natürlich trotzdem gemacht. Stimmchen hin oder her.

Wer
zur Wal-Saison im De Hoop Nature Reserve war kann sich getrost den Umweg über
die sog. Wal-Stadt Hermanus sparen, den wir trotzdem gemacht haben. Die zwei,
drei Wale in der bebauten Bucht waren zwar an sich auch beeindruckend, konnten
aber natürlich nicht im Geringsten mit dem De Hoop mithalten.



schwarz-weißer Regenbogen

CapeTown Posted on Sat, September 05, 2009 17:33:09

Gut 15 Jahre ist es her, da hat
Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu Südafrika feierlich zur Regenbogennation
erklärt. Endlich sollte dieses Land, das über Jahrhunderte entlang der vielen
Color-Bars zerrüttet war, friedliche Einheit in Vielfalt werden. Und wenn man
bedenkt dass vor nicht einmal einem Vierteljahrhundert bürokratisch die
Hautfarbe von Menschen wie mit der Ikea-Farbpalette bestimmt wurde (nur dass
die Konsequenz nicht ein farblich misslungenes Sofa im Wohnzimmer, sondern über
Wohlstand, Rechte und Bildung entschied) hat sich schon viel verbessert.

Trotzdem ist und bleibt die
Hautfarbe in Südafrika ein ständiges soziales und politisches Menetekel. Ich
erlebe hier selber das erste Mal wirklich wie ich Menschen aufgrund ihrer
Hautfarbe einschätze und selber eingeschätzt werde. Es braucht mehr als
läppische 15 Jahre um den uralten Graben, den die seit 1652 andauernde Trennung
entlang dieses offensichtlichen Merkmals hinterlassen hat, zuzuschütten.

Ein Beispiel, das Wellen bis nach
Europa geschlagen hat, ist die Aufregung über den Sex-Test von
Südafrikaner(in?) Caster Semenya. Kaum wurde mit ihrem Geschlecht auch die
Legalität des südafrikanischen Sieges angezweifelt sahen hochrangige
Regierungsmitglieder eine weiße Verschwörung gegen die schwarze Semenya, der
man den Sieg nicht gönnen und sie mit rassistisch motivierten Verdächtigungen
diskreditieren wolle. Auch wenn alle Südafrikaner (egal welcher Hautfarbe), mit
denen ich gesprochen habe, diese Äußerungen für völlig daneben halten: das
Misstrauen sitzt tief.

Und das nicht nur bei der
schwarzen Bevölkerung. Diese Woche erhielt ein weißer Südafrikaner von Kanada
den Flüchtlingsstatus zugesprochen, weil er in seinem Heimatland Opfer
rassistischer Verfolgung sei. Diese Entscheidung hat zwar ebenfalls bei allen
Südafrikanern (ebenfalls egal welcher Hautfarbe) Kopfschütteln ausgelöst.
Trotzdem ist es nur die Spitze eines weißen Eisberges. Besonders Afrikaaner
fühlen sich mittlerweile als benachteiligte Minderheit im eigenen Land,
wirtschaftlich an die Wand gedrückt vom Black-Economic-Empowerment und täglich
gefährdet durch schwarze Kriminalität. So unsinnig diese Gefühle sind – 80%
aller Manager sind weiß und die weit überwiegende Kriminalität trifft die
schwarze Bevölkerung – sie sind vorhanden.

Deshalb wäre es auch falsch die Geschichte
dieses Landes, die nun einmal wie kaum eine andere von der Hautfarbe geprägt
wurde, zu ignorieren und so zu tun, als wären mit Gründung der Südafrikanischen
Republik alle Bürger farbenblind geworden. Sie sind es nicht. Andererseits
birgt das ständige Beachten der Hautfarbe die Gefahr alte Wunden immer aufs
Neue aufzureißen und so am heilen zu hindern. Von daher bleibt das Gleichnis
Desmond Tutus treffend: Alle Farben schillern zwar einzeln, aber nur gemeinsam
ergeben sie einen Regenbogen.

Ansichten aus Südafrika: die Waterfront, CampsBay mit den 12 Apostel, Sonnenuntergang an der Beach Road in Mouille Point (Cape Town)



Lernen und Lernen lassen

CapeTown Posted on Sun, August 23, 2009 20:17:57

Es ist Sonntag. Draußen pfeift ein stürmischer Wind durch die Bäume,
über den Ozean und durch die mangelhaft isolierten Fenster in unsere
Wohnung hinein. Eigentlich sollte man dieses Wetter nutzen um Cape
Point zu besuchen, den peitschenden Wellen am Strand zuzugucken oder
sehr robuste Drachen steigen zu lassen. Aber mein Cape heißt heute
Corporate Governance und um dem noch einige weitere Minuten zu entgehen
nutze ich die Gelegenheit etwas über Lernen in Kapstadt zu schreiben.

An der Uni ist das anfängliche Chaos nicht stattfindender, über-, bzw.
unterbelegter Kurse dem alltäglichen Chaos aus verschwindenden
Workshops, stattdessen urplötzlich auftauchenden Lehrgängen und
Kommunikationsproblemen gewichen. Wer sich die UCT als afrikanische Uni
oder das, was wir in Europa dafür halten, vorstellt liegt allerdings
weit daneben. Was Raumausstattung, Internetzugänge, Computerplätze und
Arbeitsatmosphäre angeht tut die Uni Köln gut daran so weit weg zu sein
– einen direkten Vergleich würde sie nämlich klar verlieren. Der Campus
liegt im Norden der Stadt direkt unterhalb des Table Mountain und
gliedert sich in drei verschiedene Teile. Der Upper Campus besteht
größtenteils aus altehrwürdigen Gebäuden und erinnert sehr an
amerikanische Elite-Unis oder das, was wir in Europa dafür halten. Die
juristische Fakultät ist auf dem Middle Campus untergebracht und sieht
aus wie eine Kreuzung aus praktischem Backstein-Bau, Tempelanlage und
Gartencenter. Wie in Köln scheint sich auch hier die Erkenntnis
durchgesetzt zu haben, dass Fenster in Hörsälen nur ablenken. Da man
hier entweder auf den Table Mountain, oder über die weite Fläche der
Capeflats blicken könnte ist diese Befürchtung aber durchaus nicht
unbegründet. Der Lower Campus ist weniger interessant. Er beherbergt
alle möglichen kleineren Institute, Verwaltungsgebäude und vor allem
das unieigene Fitness-Center.

Bilder: Upper Campus, Kramer-Law-Building (Lichthof), Kramer von außen

Jede Woche fahre ich von diesem
exzellenzdurchklusterten Leuchtturm zu einer völlig anderen Stätte des
Lernens: zum SHAWCO-Center im Township Khayelitsha. Dieser Township ist
das größte in Kapstadt und liegt nur ca. 20 Autominuten von der Uni
entfernt in Richtung False Bay. Dicht gedrängt leben hier gut eine
Million Menschen in Holz- oder Blechhütten und, wenn sie mehr Glück und
viel Geduld hatten, auch teilweise ordentlichen Ziegelhäusern (die
Wartezeit für eine solche staatliche Unterkunft beträgt derzeit
ungefähr 15 Jahre). Wasser und Strom, soweit vorhanden, müssen die
Bewohner mit Prepaid-Karten bezahlen, die ganz ähnlich aussehen und
funktionieren wie die fürs Handy. Wer es sich nicht leisten kann – und
das sind viele – der heizt eben mit Holz. Zusammen mit der lebensmüden
und oft illegalen Verkabelung des Stromnetzes ist das der Grund dafür,
warum die eigentlich sehr feuchten CapeFlats immer wieder Schauplätze
großer Brände werden. Keine ideale Umgebung um sich selbständig zu
machen. Trotzdem (und weil es für die meisten die einzige Möglichkeit
ist überhaupt etwas Geld zu verdienen) gedeiht in diesem Milieu ein
ganz besonderes Unternehmertum heran. Aufopfernd bis zum Limit und mit
verzweifelter Beharrlichkeit versuchen sie sich eine Existenz
aufzubauen. Dabei werden diese Township-Unternehmer von der
studentischen Organisation SHAWCO unterstützt, die ihnen die Grundzüge
unternehmerischen Handelns vermittelt. Obwohl ich weder ein Experte im
Marketing, noch in Preisanalyse oder Buchhaltung bin arbeite ich mich
jetzt jeden Dienstag mit etwa 15 angehenden Unternehmern zwischen 19
und 48 und 1 weiteren Studenten 3 Stunden durch die trockene Theorie
des erfolgreichen Entrepreneurs (man sieht wie viel das mit Zahlen zu
tun hat!). Und wenn wir Glück haben wird mit unserer Hilfe bald die
erste Pizzeria Khayelitshas’ eröffnet… Ich bin gespannt.


Nicht der Township, sondern das wohlhabende Camps Bay. Hier der Strand…

… und hier der Hang, an dem wir wohnen.



bittere Pille

CapeTown Posted on Thu, August 06, 2009 12:54:08

Waren Sie schon
einmal bei uns? Nein. Sind Sie Bluter? Nein. Haben Sie Allergien? Nein. Zahlen
Sie bar? … Moment. Die Frage kannte ich noch nicht. Und doch bewirkte sie, wie
sie sich fast schüchtern zu den anderen Fragen gesellte, dass ich meinen Besuch
beim südafrikanischen Zahnarzt ganz anders wahrnehmen sollte. Bisher galten
alle meine hektischen Gedanken, sobald sich der Stuhl surrend in eine Position
irgendwo zwischen unbequem überkopf liegen und beinahe-von-der-Liege-rutschen
bewegte, dem sicherlich nicht mehr fernen Schmerz. Nicht aber, wenn man
umgerechnet „nur“ gut 150 Euro in der Tasche und die unschuldige Frage mit
Ja. beantwortet hat. Jeder Handgriff der routiniert-gelangweilten Zahnärztin,
die mir beruhigend oft ihr Tun erklärte, indem sie schlicht „Open!“ befahl,
wurde von mir argwöhnisch auf versteckte Kosten untersucht. Betäubungsspritze?
Kostet sicherlich ein Vermögen. Abgelehnt. Nein. Untersuchen Sie nicht alle
Zähne. Nur den einen. Kenne ich diese Paste aus Deutschland, oder will sie mir
eine unnötige, sauteure Reinigungspaste auf Silberbasis aufdrücken, um sich
nach getaner Arbeit bei einem Cosmopolitan an der Waterfront über den „German
Douchebag“ lustig zu machen, der ihr den Abend bezahlt? Mit diesen krämerhaften
Gedanken ist nicht leicht klar zu kommen, wenn man von Zahnmedizin so gut wie
gar keine Ahnung hat. Das ist letztlich aber auch besser. Denn ein eventueller
Protest gegen die Cosmopolitan-Salbe wäre durch die Wattebäusche und
Instrumente zwischen mir und meiner Sprache ohnehin nicht möglich gewesen. Das
ständige Misstrauen – sicherlich nicht
ganz unberechtigt, wenn ich an das ziemlich überflüssige Piccolo-Röntgenbild
denke, das gemacht wurde – überlagerte jedenfalls zu jedem Zeitpunkt meine
Angst vor Schmerzen. Hätte ich allerdings jemals Vertrauen zu Zahnärzten gehabt
– es wäre spätestens mit diesem Besuch zerrüttet worden. Für mich steht
jedenfalls fest, dass in der Beziehung zwischen Arzt und Patient die Sorge um
das Geld weder auf der einen, noch auf der anderen Seite eine Rolle spielen
darf. Es ist eine Sache, wenn mein aufgebocktes Auto einen überflüssigen Satz
Winterreifen verpasst bekommt. Meinen Arzt zu belauern, ob er mir aus
Profitgründen oder aus medizinischer Notwendigkeit eine Spritze in den Gaumen jagen will ist etwas völlig anderes.

Im Aufzug von der
Zahnpraxis zurück zum Parkdeck stiegen zwei Farbige zu mir in den Fahrstuhl und
fragten, ob ich – der ich offenbar immer noch 10m gegen den Wind ausländisch
aussehe – vom Lufthansabüro käme. Als ich verneinte und mit rollenden Augen auf
den Zahnarzt im 12. verwies, erwiderte er mein Grinsen mit mehr Lücke als Zahn
als er sagte: „Sehr gut. Dann lassen Sie doch nächstes Mal, wenn sie zum
Zahnarzt gehen, ihr Auto auf dem oberen Parkdeck waschen. Wir sind sehr
gründlich.“ Auf einmal kam mir unglaublich schäbig vor. Statt der typischen mitleidigen
Antwort, derer sich bei uns jeder Zahnarztpatient kurz vor oder nach seiner
Behandlung sicher sein kann, wurde ich daran erinnert, dass der scharfe
Medikamentengeschmack in meinem Mund für
viele ein Luxus ist. Wie schon vorher geschrieben: eine allgemeine
Krankenversicherung existiert (noch) nicht und wer es sich nicht leisten kann
100 Euro für einen halbstündigen Zahnarztbesuch zu bezahlen (mein Geld hat also
gereicht), der muss es entweder in überfüllten und unterbesetzten öffentlichen
Krankenhäusern versuchen, oder es gleich sein lassen. Der Autowäscher schien
über diese gesellschaftszerreißende Ungerechtigkeit, als deren Symptom ich vor
ihm stand, keineswegs verbittert. Im Gegenteil schenkte er mir beim Aussteigen
noch ein aufrichtiges, zahnloses Lächeln. Wie wenig frühere und aktuelle
Ungerechtigkeiten in den benachteiligten – d.h. schwarzen oder farbigen –
Kreisen für Aufregung sorgen ist mir ohnehin ein großes Rätsel. Ich hätte nie
gedacht, dass ein zugewanderter Kenianer gerne Afrikaans sprechen würde und
über die koloniale Vergangenheit in Afrika schlicht sagt: „Was hilft das Leben
in der Vergangenheit? Wir müssen nach vorne blicken. Hart arbeiten und das
Beste aus uns machen.“ Ich frage mich wirklich manchmal, woher dieser Langmut
kommt und warum es nicht im ganzen Land so zugeht wie in den Townships um
Jo’Burg, die Polizeiwagen bewerfen und Mülltonnen anzünden, weil sie immer noch
weder Wasser, noch Strom, noch Straßen, Krankenhäuser, Schulen oder Chancen haben…

P.S.: keine Sorge – Fotos kommen noch…



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