Da
war es wieder – dieses mulmige Gefühl in der Magengegend. Und die
ehrliche Freude über Özils Tor, die mich mitsamt der
schwarz-rot-goldenen Flagge hatte aufspringen lassen, wurde von einer
grölenden „Deutschlaaaaaaand! Deutschlaaaaaand!“-Welle erfasst.
Mit jeder Woge trieb sie ein Stück weiter von mir weg und ließ mich
etwas hilflos mit meiner Fahne zurück. Ja – ich war verkrampft.
Schon wieder.

Eigentlich
hatten wir ja mit der WM 2006 eine Dosis nationaler Befreiung
verordnet bekommen und fühlten uns nach anfänglichem Zaudern bald
schon sehr viel besser. So wurde mir zumindest von allen Seiten
versichert – sogar von der englischen Boulevardpresse! Es schien,
als seien wir aus dem grauen Tal der Trauer und des (Selbst-)Mitleids
hinaus marschiert. Endlich konnten wir gemeinsam mit anderen großen
Nationen Europas in unseren jeweiligen Nationalfarben elf Personen
anfeuern. Nicht unbedingt mit vor Nationalstolz geschwellter Brust –
aber immerhin nicht mehr so verkrampft. Der Auto-Wimpel war
sichtbares Symptom der Besserung.

Aber
trotz dieser ziemlich teuren Radikal-Kur, die auch mich ein Trikot
hat anziehen, Deutschland-Flaggen auf die Wangen
malen und die Nationalhymne hat singen lassen, stehe ich nun im
„Tafelberg“ in Kapstadt in einem Meer von Leuten, die ein Trikot
tragen, Deutschland-Flaggen auf den Wangen haben und die Hymne
gesungen haben – und fühle mich fehl am Platze. Was ist passiert?
Habe ich als Skeptiker damals eine zu kleine Dosis abbekommen?
Andererseits scheint es nicht nur mir so zu gehen.

Vielleicht
hatte ja die Medizin von 2006 auch Nebenwirkungen,
auf die uns jeder Arzt und Apotheker hätte hinweisen können –
hätten wir gefragt. Aber wir waren zu froh endlich mal ohne
schlechtes Gewissen mitmachen zu dürfen. Die andern machen es ja
auch und fanden unsere Zurückhaltung mit Nationalsymbolen immer
schon merkwürdig. Eine echte deutsche Befindlichkeit eben.

[Wenn einen ein somalisch-kanadischer Sänger im Auftrag von Coca Cola dazu auffordert muss man es auch probieren: Flag-waving in der Community-Hall von Khayelitsha beim Spiel RSA v. FRA]

Noch
so eine deutsche Befindlichkeit war übrigens die teutonische
Zurückhaltung in militärischen Angelegenheiten. Während andere
Länder schon immer wenig Probleme hatten bewaffnete Streitkräfte
durch die Welt zu schicken fanden sich die Deutschen im Schatten
ihrer jüngeren Geschichte und dem „Nie wieder!“-Transparent in
der Rolle des Sonderlings. Auch hier war der – von außen begrüßte
– Wandel ein zunächst zaghaft, aber stetig. Wo wir zuerst nur
finanziell fremde Soldaten unterstützten schickten wir bald
unbewaffnete Aufklärer, die sodann zur Selbstverteidigung bewaffnet
und schließlich mit robustem Kampfmandat ans Horn von Afrika
geschickt wurden. Von der pazifistischen Landesverteidigungs-Armee
ist das etwas so weit entfernt wie der Hindukusch von der Sicherheit
Deutschlands.

Der
Punkt ist der: Nicht alles, was andere merkwürdig finden, ist
notwendiger Weise schlecht. Dass wir uns wenigstens teilweise
unserer gewalttätigen Geschichte gestellt haben ist im europäischen
Vergleich auch eher ungewöhnlich – aber ist es deshalb falsch?
Deutschland hat mit Faschismus, Nationalismus und (Staats-)Symbolik
besonders leidvolle Erfahrungen gemacht. Nicht als einziges Land.
Aber nur weil anderswo über die Mussolinis, Francos und Pinochets
immer noch mehr geschwiegen als geredet wird – wird es dadurch
besser? Die deutsche Rolle im zweiten Weltkrieg und während der
Shoah war bislang einzigartig. Und wenn wir hinterher das einziges
Land sind, das für sich spezielle Lehren daraus gezogen hat werden
diese nicht dadurch falsch, dass andere sie (noch) nicht teilen. Ein
gebranntes Kind springt nicht nochmal übers Feuer, auch wenn es bei
den Freunden bisher mehr oder weniger gut gegangen ist. Es könnte
die anderen vielmehr warnen mit dem dämlichen Gehopse aufzuhören
und endlich das Grillzeug holen. Das wäre mal ein echter
Fortschritt, von dem alle was hätten.

Statt
dessen hab ich 2010 den Eindruck, dass wir vielleicht doch wieder
mithopsen wollen. Noch nicht jetzt direkt, aber bald. Meine sehr
persönliche Erfahrung aus Südafrika dazu ist, dass die Fan-Gesänge
monotoner geworden sind. Wurden früher noch humorvolle Chöre wie
„Du hast die Haare schön“, „Eine Straße, viele Bäume“ ,
„Wir wolln den Netzer sehn“ oder das bereits recht anspruchsvolle
„Auf geht’s Deutschland – schießt ein Toooor“ gesungen wurde
hört man hier nur „Deutschlaaaaaaaaand!“ und seine jeweiligen
Abkürzungen in autistischem Dauergesang. Beim produzieren dieser
authentischen Stadion-Atmosphäre fühlt man sich natürlich durch
die lokalen Plastikbläser gestört, die dann auch gerne beschimpft
und mit einem fast schon kreativen „Wir singen scheiß Vuvuzela“
bedacht werden. Das alles vermengt sich zu einer eher ablehnenden,
fast schon aggressiv wirkenden Atmosphäre und klingt nicht gerade
nach den Freunden, bei denen die Welt zu Gast war.

[Kurz bevor einer Rot sieht. Ja – die Entscheidung war hart. Aber ja – es war auch ein Foul. Aber genützt hat es den Serben letzten Endes eh nichts.]

Ich
habe kein Problem damit im Trikot die deutsche Mannschaft anzufeuern
und werde genau das am Sonntag tun. Auf der Grand Parade. Mit Flagge.
Hoffentlich mit Schweini. Inmitten englischer, deutscher und vielen
hartgesottenen südafrikanischen Fans. Denn es geht nicht darum, dass
man „sowas als Deutscher nicht darf“.

[Darf man schon: hier z.B. vor dem Stadion in Port Elizabeth]

Denn
vielleicht haben wir 2006 einfach missverstanden: Es ging nicht
darum, dass Deutschland seine Flaggen entdeckt hat. Es ging darum,
dass die humorlosen, effizienten Deutschen plötzlich unbeschwert bei
einer bunten, internationale Party mitfeiern konnten. Jetzt sind die
Gäste gegangen, die Party ist vorbei, wir bleiben mit unseren
Flaggen zurück und probieren aus, wozu die noch gut sind. Aber
Flaggen, die nicht mit, sondern gegen einander geschwungen werden,
wirken nicht fröhlich, sondern aus meiner Sicht bedrohlich. Und
apropos verkrampft: nur weil jemand mit schwarz-rot-gold auf der
Backe den Namen seines Geburtslandes grölen kann ist er noch lange
nicht entspannt.

[Auch angespannt: Zuschauer haben gerade den französischen Anschlusstreffer erleben müssen. Und Uruguay führte auch nicht so hoch wie erhofft…]