Da
war es wieder, dieses andere, hässliche Gesicht Südafrikas: Kurz
nachdem am 3. April
Eugène Terre’Blanche auf seiner Farm von seinen zwei schwarzen
Angestellten ermordet wurde flatterten wieder die blau-weiß-orangenen
Farben des Apartheidtsregimes, die „Stem van Afrika“ wurde von
wütenden Weißen in khakifarbenen Anzügen mit dem Aufdruck „100%
Boer“ (Bure) gesungen. Ihnen gegenüber führten Schwarze aus dem
angrenzenden Township Freudentänze über den Tod des Rechtsradikalen
ET, wie Terre’Blanche von den lokalen Medien genannt wird (als wäre
er von einem anderen Stern), auf. Sie feierten die mutmaßlichen
Mörder als Helden, rissen traditionelle Waffen wie die, die bei der
Tötung benutzt wurden, in den Himmel und skandierten „Kill the
Farmer, Shoot the Boer“. Um genau dieses alte Lied des
Freiheitskampfes hatte es schon vorher heftige Kontroversen gegeben,
als „Juju“ Malema – Präsident der ANC Jugendorganisation
(ANCYL) – dieses wiederholt und entgegen einer gerichtlichen
Anordnung bei öffentlichen Veranstaltungen gesungen hatte. Dass Juju
an jenem Wochenende ausgerechnet in Zimbabwe den Diktator Mugabe zu
dessen erfolgreichen „Landreform“ beglückwünschte und darüber
sinnierte, dass auch Südafrika von diesem leuchtenden Beispiel
lernen müsse, legte noch einige Kohlen unter den kochenden
Dampfkessel, zu dem Südafrika geworden zu sein schien.

[Lauert hier das Böse? Rosa Hütte mit Herzchen-Toilette in den Cape Flats]

Journalisten
aus aller Welt, die eilfertig die eingehenden Agenturmeldungen
umschrieben und um ihr eigenes – oft scheinbar von
Joseph Conrad inspiriertes – Afrikabild ergänzten, warnten
vor der nahenden WM schon vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen.
Ausnahmsweise mal nicht wegen der Kriminellen, sondern wegen
handfester ethnischer Konflikte. Steht also Südafrika vor einer
Zerreißprobe entlang der „Rassenlinien“? Haben die
„Suidlanders“ recht, die schon „sichere
Farmen“ außerhalb großer Städte einrichten, die sie mit
Waffengewalt gegen die anströmenden schwarzen Horden verteidigen
wollen, wie damals die Vortrekker ihre Wagenburg am Blood River.

Ja
– in Südafrika brodelt es. Und nein: auch wenn momentan ein
ungeheures Gefühl der Unsicherheit unter den Weißen besteht – die
Bruchlinie verläuft nicht dort, wo sie Apartheidsanhängern und
Pan-Afrikanisten gerne sehen. Dieser Konflikt wird – wie
sooft – dort ausgetragen werden, wo er von Touristen und
Wohlhabenden nicht wahrgenommen wird: in den Townships. Dieser
Konflikt gärt schon seit einigen Jahren und brach schon einmal mit
tödlichen Konsequenzen aus. Täglich versteckt er sich in kleineren
Zeitungsmeldungen und Gesprächen mit Taxifahrern. Einer dieser
Taxifahrer ist Jean. Er ist aus seinem Heimatland Ruanda in das
vergleichsweise wohlhabende Südafrika geflüchtet. Ob vor ethnischen
Spannungen, oder nur einem bitterarmen Leben – was macht das für
einen Unterschied? Es gibt viele wie Jean. Sie kommen aus Ruanda, der
Demokratischen Republik Kongo, Somalia – vor allem aber aus dem
benachbarten Zimbabwe. Sie sind verzweifelt, oft besser ausgebildet
als Südafrikaner in ähnlich desolater Lage und deswegen oft
erfolgreich, wenn es darum geht wenigstens hier und da ein paar Rand
zu verdienen. Die Parkeinweiser, Souvenirverkäufer, Saisonarbeiter
und eben Taxifahrer – sie sind meist selber fremd in Südafrika.

[Es braut sich was zusammen… Wolken über Ausläufern von Nyanga bei Cape Town]

Und
wie überall sind es die Fremden, die oft als Sündenbock für das
eigene Elend her halten müssen. Nicht immer sind diese Fremden aus
anderen Ländern. Einwohner der offiziellen Townships steinigen
Feuerwehrautos, die eine angrenzende „informelle Siedlung“
löschen wollen; Einwohner der informellen Siedlung machen wiederum
Stimmung gegen „Backyard Dweller“, die in winzigen Hütten im
Hinterhof von Sozialbauwohnungen leben. Aber wegen ihrer
vergleichsweise geringen Zahl, ihres kaum vorhandenen rechtlichen
Schutzes und ihrer (für Afrikaner) offenbaren Andersartigkeit stehen
Ausländer ganz unten in dieser Hackordnung des Elends. Ein
vermeintlicher oder nichtiger Anlass kann ausreichen und schon werden
somalische Shops geplündert und Hütten von Kongolesen nieder
gerissen, während die Fremden vom Mob aus der Siedlung gejagt
werden. Im besten Fall werden sie dann mit nur einigen Blessuren und
ohne ihre Habe von der Polizei in ein Auffanglager gebracht.
Diese sind zwar meist aus blanken Wellblechhütten, die im Sommer zu
Backöfen und im Winter zu Eisschränken werden, gezimmert, aber sie
sind leidlich sicher. Solange man nicht zum Arbeiten das umzäunte
Gelände verlässt… Gerüchten zufolge hetzten sogar manche
Lokalpolitiker gegen die Ausländer, um von schlechter
Grundversorgung und Arbeitslosigkeit abzulenken – wählen können
die ohnehin nicht. Auch Jean macht sich keine Illusionen. Er hat bald
genug Geld angespart, um wieder nach Ruanda zurückgehen zu können.
Das Geld, sagt er und lächelt, das habe er sicher in seiner Hütte
versteckt. Denn wenn es losbricht müsse es schnell gehen – da kann
man nur mitnehmen, was direkt greifbar ist. Dass es wieder losgehen
wird, daran hat er keinen Zweifel. Die bange Frage ist nur wann.
Schon kursieren Gerüchte in den Townships, dass man nach der WM,
wenn der Fußballzirkus und mit ihm die Weltöffentlichkeit weiter
gezogen ist, mal „ordentlich aufräumen“ werde.