Die Osterglocken sind
verklungen, die importierten Lindt-Schokohasen aus den Regalen
verschwunden und alle Eier wurden entweder gefunden, oder von
Stachelschweinen genascht. Die Wiederauferstehung Jesus’ ist auch in
Südafrika gebührend (d.h. europäisch) begangen worden –
spirituell wie kommerziell. Aber wie steht es denn nun in Südafrika
mit der Religion? Neben den Vorstellungen, dass Afrikaner stets
Knochen werfen und Ahnen beschwören lassen ist das einzig Religiöse,
das internationale Aufmerksamkeit erregt, der in schöner
Regelmäßigkeit veröffentlichte Papst-Aufruf an den
pandemiegeplagten Kontinent doch bloß keine Kondome zu benutzen.
Amen.

Doch wer interessiert
sich hier eigentlich für das, was ein deutscher Katholik in Rom zur
Auslegung eines sehr alten Buches zu sagen hat? Man dürfte doch
vermuten, dass Federn und Wurzeln wesentlich liberaler sind was
Verhütung angeht. Aber wer so denkt der verkennt, dass das
Christentum in Südafrika die dominante Religion ist. 85 % bezeichnen
sich selbst als christlich – und die Mehrheit davon ist sehr viel
gefestigter im Glauben als die meisten Europäer. Als wir im
vorweihnachtlichen Bulawayo (Zimbabwe) etwa nach dem Weg gefragt
haben bekamen wir nicht nur die gesuchte Wegbeschreibung, sondern ich
wurde auch gleich von den hilfsbereiten Passanten gesegnet (mit
Handauflegen) und habe diese Ehre nach anfänglichem Zaudern
natürlich freundlich erwidert.

[Erzbischof Desmond Tutu,
streitbarer Geistlicher für eine geeinte Regenbogennation (diesen
Ausdruck hat Tutu geprägt). Er gehört zur anglikalischen Kirche,
hat Frau und Kinder und offenbar Spaß am Leben. Bild entnommen von
www.Blogula-rasa.com]

Der Grundstein für
dieses feste Glaubensfundament wurde mit der Kolonialisierung gelegt.
Missionare brachten das Wort Gottes mit Barmherzigkeit und Bajonett
in die Kolonien, wo es auf oft ungebildeten und ohnehin
abergläubischen – also sehr fruchtbaren – Boden, fiel. Nach der
Entkolonisierung übernahmen fast alle Staaten einen sehr radikale
„Entwicklungspolitik“: Im Einklang mit IWF und Weltbank wurden
Sozialsysteme (wo sie überhaupt bestanden) stark zurück gefahren
oder gleich ganz abgeschafft, um den freien Markt zu stärken. Die
Missionen wurden dabei als bequeme, weil für den Staat kostenlose,
Sozialhilfe gesehen, was natürlich ihr Ansehen in der verarmten
Bevölkerung weiter steigerte. Einem hungrigen Magen ist es nicht so
wichtig, ob er aus einer Rippe geformt wurde oder nicht. Dass die
Bildung weiterhin mangelhaft bis nicht vorhanden blieb tat ihr
Übriges. In jüngerer Zeit begreifen auch mehr und mehr radikale
Splitterkirchen (insb. aus den USA) Afrika als spirituellen
Wachstumsmarkt. Und dank großzügiger Zuwendungen, die oft zur
Selbstbedienung korrupter Kleriker und Politiker einladen, fällt die
Expansion leicht. So ist es nicht verwunderlich, dass auch der
politische Einfluss religiöser Gruppen stetig wächst.

Dabei gehen und gingen
Kirchen oft eine unheilige Allianz mit archaisch-patriarchaischen
Vorstellungen ein. Homophobe Gewalt etwa wird durch die entsprechend
ablehnende Haltung der großen Religionen unterstützt. Das
Strafgesetzbuch in Uganda, das Sex zwischen Männern nun mit der
Todesstrafe belegt, wurde maßgeblich durch die Initiative
amerikanischer Wiedererweckter auf den Weg gebracht (wobei diese
schnell sind zu versichern, dass ihnen die Todesstrafe zu weit geht –
lebenslange Haft hätte ja gereicht…). Auch die althergebrachte
Stellung der Frau – respektive unter der des Mannes – lässt sich
bestens mit dominanten Glaubenskonzepten in Einklang bringen.
Zweitausend Jahre alte Konzepte passen eben gut zu ähnlich alter
Stammeskultur. Aber dieses Phänomen ist nicht nur auf schwarze
Gemeinden beschränkt. Es ist gute Sitte in vielen von konservativen
Afrikaanern (Boeren) besuchten Kirchen, dass die Frauen gefälligst
hinten zu sitzen haben; von Moscheen, die in urbanen Gegenden viele
Anhänger unter den Farbigen haben, einmal ganz abgesehen.

[Zulu-Sangoma bei der
Arbeit. Bild entnommen aus ZululandEcoAdventures unter
www.eshowe.com]

Wo Kirche und Kraal
einmal nicht so harmonisch zusammen passen wird entweder der Glaube
modifiziert – eine christliche Sekte glaubt etwa daran, dass ihr
vor 40 Jahren verstorbener Gründer die Wiedergeburt Jesus’ war und
er von einem bestimmten Berg in den Himmel aufgestiegen ist;
allerdings haben sich innerhalb dieser Bewegung nun vier verfeindete
Splittergruppen gebildet, die sich erbittert um das Vorrecht über
den Berg streiten –, oder die Tradition wird getrennt von der
Kirche weiter gepflegt. So ist es kein Widerspruch, dass im Township
Khayelitsha direkt neben einer heruntergekommenen Gemeindekirche ein
Hexenmeister (getarnt als Kräuterheiler) – ein sog. Sangoma –
seine Dienste anbietet. Und die Chancen stehen gut, dass viele
Kirchgänger nach der heiligen Messe bei ihm vorbei schauen.
Geisterbeschwörung im Krankheitsfall, Knochenwerfen für
Karrierezwecke oder Talismane am Rückspiegel gehören zum Leben
vieler Schwarzafrikaner wie Auf-Holz-Klopfen, Salz über die linke
Schulter werfen oder Bleigießen für Europäer. Oft steht dabei
nicht das Spirituelle im Vordergrund, sondern eher
Traditionsbewusstsein. Wobei die Übergänge fließend sind. Die
Ahnen sind Teil der Tradition und der alltäglichen Welt, sie sind
erfahrbar in Krankheiten, Tieren, Pflanzen und Träumen. Wo hört da
Tradition auf und wo beginnt ursprünglicher Glaube? Gott ist da
oben, die Ahnen sind hier. Beide existieren irgendwie neben- und
miteinander – der eine abstrakter, das andere bodenständiger. Dass
der christliche Gott die Welt geschaffen hat und unser Leben und Sein
bestimmt wird von der Mehrheit inbrünstig geglaubt. Aber wenn es um
handfeste Probleme geht ist ein im Busch einem Vogelgeist gestohlener
Zauberstock doch sehr viel handfester als die Heilige
Dreifaltigkeit…