Drei
Durchschläge mit Ziege (zwischen Maun und Ghanzi, Botswana)

Jetzt
übertreiben sie es aber langsam, denke ich mir, als schon wieder ein
Polizist auf der Straße steht und uns an den Rand winkt. Botswana
scheint um seine Autofahrer tatsächlich besorgt zu sein – und weil
Verkehrskontrollen und allgemeine Belehrungen über den
Straßenzustand („Die Straße ist schlecht…“) durch ein
örtliches Kommittee unter einem Zelt am Straßenrand billiger sind
als die Straßen selbst zu verbessern heißt es alle paar Kilometer:
langsamer werden, anhalten, zuhören, nicken, weiterfahren.

[Ob man an der schönen alten Brücke denn auch baden könne, hat ein Gast unseres Backpackers die Einheimischen gefragt. “Ja”, war die Antwort, “wenn man schnell genug ist schon.” – Der Okavango hat eine erschreckende Vielzahl von Krokodilen…]

Aber
diesmal ist es anders: eine echte Geschwindigkeitskontrolle! Der
Polizist bittet mich höflich aus dem Fahrzeug und führt mich zum
mobilen Laser, an dem er mir meine Geschwindigkeit und das aktuelle
TÜV-Siegel des Messgerätes zeigt. Ob ich dagegen etwas einzuwenden
hätte? Nein? Dann bitte weiter zu den Kollegen unterm Akazienbaum.
Dort werde ich von zwei Beamten in ihrem Polizeiwagen in Empfang
genommen. Der erste nimmt meine Geschwindigkeitsüberschreitung zu
Protokoll (11 km/h innerhalb von geschlossenen Ortschaften, wobei mir
unklar ist, wo sich dieser geschlossene Ort befinden soll), überträgt
die Daten meines Führerscheins und meines Reisepasses und händigt
mir, nachdem ich mit einer Unterschrift und nach einer Belehrung auf
Einwände und Einlassungen verzichtet habe, zwei Durchschläge aus.
Einer blassrosa, einer hellblau. Dann werde ich zum Kollegen von der
„Finanzstelle“ weiter gereicht, will sagen: ich gehe um das Auto
herum, auf dessen Ladefläche – das bemerke ich jetzt erst – eine
unglücklich wirkende Ziege festgebunden ist. Der Kollege auf dem
Beifahrersitz nimmt den blassrosa Durchschlag entgegen, händigt mir
eine Tabelle des Verkehrsministeriums aus, auf dem die Höhe des
Bußgeldes für jede Überschreitung der Geschwindigkeit ab 1 km/h
(!) aufgezeichnet ist und beginnt damit, die
Geschwindigkeitsüberschreitung, meine Daten etc. in ein weiteres
Formular zu übertragen. Nachdem ich auch gegen die Verhängung des
konkreten Bußgeldes keine Einwände habe und die happigen 300 Pula
(etwa 35 Euro) bezahlt habe, bekomme ich nicht nur darüber wieder
einen Durchschlag, sondern natürlich auch das Original der Quittung.
Alles muss eine Ordnung haben. Als ich mich vom Polizeiauto entferne
spricht mich ein unglücklicher südafrikanischer Tourist an, der
fragt ob ich ihm Rand in Pula wechseln kann (ich kann nicht). Sein
Bußgeld von gut 550 Pula könne er nämlich nicht bezahlen, weil er
nur noch Rand habe, die sie hier nicht akzeptiert werden. Und ohne
Zahlung wollen sie ihn nicht weiterfahren lassen, weshalb er jetzt
mitten im Nirgendwo (pardon: einer geschlossenen Ortschaft!) in
Botswana festsitzt. Da ich ihm leider nicht helfen kann wünsche ich
ihm viel Glück beim nächsten Autofahrer. Als ich zum Auto zurück
gehe höre ich die Ziege blöken – das wäre vielleicht auch die
Rettung für den gestrandeten Verkehrssünder. Aber als Tourist hat
man so leider selten Vieh dabei…

[Tourist? Wieso Tourist?! Fotosafari auf einer Insel im Delta]

[Die Wildpferde von Aus/Namibia. Überhaupt gibt das steppige Innland Namibias eine prima Kulisse für Western ab.]

Wo
die wilden Kerle wohnen (Waterfall-Trail, Cederberge/Südafrika)

„Das
Problem ist, „ erklärt mein unfreiwilliger Begleiter „dass es in
Südafrika keine echten Männer mehr gibt.“ Um seine Analyse zu
unterstreichen lässt er die mannshohe Peitsche, die er bei sich
trägt, geräuschvoll durch die Luft zischen. „Alle verweichlichen
viel zu sehr – DAS ist das Problem.“ Die etwas schlaksige Gestalt
mit breitem Tropenhut und wettergegerbtem Gesicht, die sich durch ihr
ähnliches Tempo an meine Fersen auf dem Weg zum Wasserfall geklemmt
hat, schwelgt nun in Erinnerungen ihrer eigenen (mutmaßlich
glorreichen) Militärzeit. Ein Monolog, der mir die Zeit gibt meine
Blicke und Gedanken etwas schweifen zu lassen. Der Weg vom
Campingplatz zum Wasserfall führt etwa dreihundert Höhenmeter an
einer tief eingeschnittenen Schlucht entlang die Cederberge hinauf.
Wo eigentlich dunkles Tannengrün die Hänge bedecken sollte ragen
nur noch schwarze Stümpfe empor. Jemand hatte wohl im vorvergangenen
Jahr sein männliches Grillfeuer (das traditionelle Braai) ebenso
wenig unter Kontrolle wie die Feuerwehr den daraus entstehenden
Waldbrand. Überhaupt kommt mir die These, dass das entscheidende
Problem fehlende Männlichkeit und Härte ist, in einem Land, das die
höchste Rate von Vergewaltigungen, ein massives
Gewaltkriminalitätsproblem und das beste Rugby-Team der Welt hat,
etwas gewagt vor. Und überhaupt wird mir in der nächsten halben
Stunde noch einmal vor Augen geführt, dass große Teile der
südafrikanischen Mittelschicht – schwarz oder weiß – in einer stark
körperlich-archaischen Kultur leben. Beide haben nicht direkt mit
einander zu tun und doch decken sie sich bei Themen wie der
Wiedereinführung der Todesstrafe, gezielten Todesschüsse auf
Kriminelle, einem patriarchaischen Familienbild und einem elterlichen
(meist väterlichen) Züchtigungsrecht bis ins Detail.

[Der Orange-River hat seinen Namen daher, dass er mehr Sand und Sediment mit sich führt als der Nil oder der Jangtse. Schnorcheln kann man hier vergessen.]

Das urtümliche
Männlichkeitsbild wird in der weißen Mittelschicht vor allem durch
im Rugby erfolgreiche Söhne gepflegt. Jedes Jahr kommen bei dem
Versuch dem Vater und sich selbst etwas zu beweisen und in ein
nationales Team zu kommen mehrere Jugendliche zu Tode. Teils kippen
sie vor Überanspruchung einfach um, wenige werden während des
Spiels – gegen das die gut verpackten Football-Spieler aus den USA
wie Memmen wirken – tödlich verletzt, die meisten jedoch sterben
krampfend und alleine auf irgend einer Toilette, weil das
Dopingmittel doch nicht so sicher war, wie der Dealer (oder Trainer)
behauptet hatte. Aber das ist wohl der Preis in fast jedem
Spitzensport. Anders als bei der Tour de France allerdings gewinnt
nicht unbedingt der Sportler die Herzen, der einfach nur gut ist – er
muss dabei ordentlich einstecken und austeilen können. Je roher eine
Mannschaft vorgeht, desto besser für die Ticketverkäufe. Wenn der
Planwagen schon nicht mehr mit Gewalt weiter getrieben werden kann,
dann doch wenigstens das ovale Schweineleder.

Anders
als früher beim Planwagen stellt sich diesem jedoch kaum ein
Schwarzer in den Weg – die Anzahl nicht-weißer Spieler und Fans
lässt sich fast an einer Hand abzählen. Ein Großteil schwarzen
Testosterons entlädt sich dafür innerhalb der Townships – und
gerade an Frauen. Gewalt- und Sexualverbrechen sind an der
Tagesordnung und nicht vollständig mit Armut und Perspektivlosigkeit
zu erklären. Wo Lesben durch Massenvergewaltigungen „geheilt“
werden sollen, wo das soziale Umfeld häufig dem Opfer sexueller und
häuslicher Gewalt die Schuld gibt und wo ein Mann, der knapp einer
Verurteilung wegen Vergewaltigung entgangen ist, zum Präsident
gewählt wird (das mutmaßliche Opfer wurde vor Gericht mit Steinen
beworfen) liegt das Problem tiefer.

Das
alles sage ich meinem Begleiter nicht. Und warum auch? Erstens habe
ich nicht gedient und deshalb ohnehin kaum eine Meinung und zweitens
klänge meine Moralapostelei reichlich hohl. Erzwungener ehelicher
Beischlaf, Züchtigungsrecht und Schwulenhass waren vor noch nicht
allzu langer Zeit auch bei uns sehr salonfähig… Ein Grund sich
daran zu erinnern, dass all dies auch bei uns mühsam erkämpft
werden musste. Und wer den Zeigefinger nicht mahnend hebt kann ihn
viel besser in die Wunde legen – denn ein ehrlicher, nicht
moralinsaurer Diskurs darüber ist in Südafrika bitter nötig.

Wir
erreichen endlich den Wasserfall, der sich auf ein Plateau hoch über
dem Tal ergießt. Bei annähernd vierzig Grad im Schatten dürfte der
Pool zwar tiefer sein, aber ich bin nicht wählerisch. Als ich mich
nach kurzer Erfrischung wieder auf den Rückweg machen will muss ich
allerdings noch die Frage los werden, warum mein Begleiter eine
Peitsche mit sich herum schleppt. „Wegen der Paviane.“ lautet die
lakonische Antwort. Meinen etwas skeptischen Blick bemerkend fügt er
hinzu: „Und weil ich mich damit einfach besser fühle!“

[Nicht so groß und beeindruckend wie die Vic-Falls, aber auch sehr erfrischend: Wasserfall in den Cederbergen.]