Highlander
(Thabana-Pass, Lesotho)

Noch
zehn Meter, noch fünf Meter, jetzt! Die Kühlwasser-Nadel bleibt
kurz vor der kritischen Marke stehen, zittert kurz und sinkt mit dem
ersterbenden Motorgeräusch wieder ab. Unser schwer beladenes Auto,
die steile Straße aus Matsch und Felsen und die dünne Höhenluft
haben unser Kühlwasser in die Knie gezwungen. Da hilft nur warten.
Resigniert gehe ich raus in den Nieselregen und öffne die
Motorhaube, um mir die Sache näher anzusehen. Warme Luft getränkt
vom Geruch des heißen Motoröls schlägt mir entgegen und verdrängt
die ansonsten kristallklare Bergluft.

[Unterwegs in Lesotho: Asphalt ist hier selten – und das ist auch gut so. Denn wo geteert ist haben sich große Schlaglöcher (Potholes) gebildet. Von deren Bekanntschaft mit Autoreifen zeugen diverse zerfetzte Gummireifen alle paar hundert Meter.]

Als ich meinen Blick über den
wilden Berghang gleiten lasse sehe ich eine Person, die sich uns
langsam auf einem kleinen Pferd, bzw. einem großen Pony nähert. So
unwegsam Lesotho auch sein mag, so überraschend bevölkert ist es
doch rund um die wenigen Straßen, die das Land durchziehen. Bisher
wurden wir bei fast jedem unserer gewollten und ungewollte Autostopps
von Einheimischen „begrüßt“. Die mangelnden Englisch-, bzw.
Sesotho-Kenntisse reduzierten die Unterhaltung leider immer auf ein
weniger freundliches als vielmehr forderndes „Money!“, begleitet
von einer aufgehaltenen Hand. Kein Vorwurf – über den so
offensichtlich wie breiten Wohlstandsgraben hinweg (Lesotho ist eines
der ärmsten Länder der Welt) lässt sich kein Gespräch auf
Augenhöhe führen. Doch als der in groben rötlichen, mit
südamerikanisch anmutenden Mustern gewebten, Decken gekleidete
Reiter neben unserem Dampfenden Motor anhält bleibt die erwartete
Forderung aus. Statt dessen beugt er sich interessiert über den Kopf
seines vom Höhenunterschied im Gegensatz zu unserem Auto gänzlich
unbeeindruckten Ponys, um besser in den Motorraum sehen zu können.
Dann sieht er mich an und fragt in fehlerfreiem Englisch: „Do you
need help?“ Als ich verneine wirft er noch einen letzten Blick auf
den V6-Motor, nickt würdevoll in meine Richtung und lenkt sein Pferd
den Abhang hinunter und verschwindet schließlich im Nieselregen. Er
hinterlässt einen Eindruck davon, dass die Einwohner Lesothos
ursprünglich ein stolzes, freies Bergvolk waren, dass lange Zeit
erfolgreich jedem Angriff auf ihre Himmelsfestung getrotzt haben und
weit über ihr Hochland hinaus berühmt-berüchtigt waren. Aber Armut
und Hunger verzehren nach und nach auch den größten Stolz…

[Der Reiter verschwindet im Nebel]

[Potholes der angenehmeren Art im Blyde River Canyon bei Graskop, Südafrika]

Drink
doch eene met (Victoria-Falls, Zimbabwe)

Als
die ersten dicken Tropfen auf dem Asphalt zerplatzen wird mir klar,
dass ich mich doch verschätzt habe. Eigentlich wollte ich nur kurz
runter in die „Stadt“, die sich nach ihrer einzigen
Daseinsberechtigung „Victoria Falls“ nennt und eher eine
Ansammlung von Hotels, Backpackern und Andenkenläden ist. Aber dann
holt mich doch schon auf halber Strecke das nachmittägliche
Regenzeit-Gewitter ein. Ich stehe, unschlüssig ob ich umkehren und
nass, oder weitergehen und klatschnass werden soll, vor einem billig
aussehenden Lokal, dessen rundum umgitterte Veranda einen
zweifelhaften Gefängnis-Charme verbreitet. Dort scheint jemand mein
Zögern bemerkt zu haben, denn sofort ruft jemand:“Komm doch rein
und trink ein Bier mit!“ Lachend prostet eine Gruppe aus mehreren
Männern und einer Frau mir aus dem Käfig zu. Ich überlege kurz:
einerseits kommt es mir etwas dubios vor, dass mich mehrere Schwarze
(der unterschwellige Kriminalitäts-Rassismus aus Südafrika geht
auch an mir nicht spurlos vorbei) zum Bier zu sich rufen.
Andererseits trage ich aus Gewohnheit keine Wertgegenstände bei mir,
es ist hellichter Tag, die Kneipe liegt an einer der
Hauptverkehrsstraßen und vor allem: ich bin hier in Zimbabwe, nicht
in Südafrika. Wer die Nachrichten aus Mugabe’s Harare, die Bilder
der Straßenkämpfe 2008 und die Geschichten über brutales Militär
im Kopf hat mag sich fragen, ob das nicht noch eher dagegen sprechen
könnte, die Einladung anzunehmen. Aber um hier en passant mit einem
westlichen Vorurteil (und einem Vorurteil vieler weißer
Südafrikaner) aufzuräumen: die Menschen – auch an den diversen
nächtlichen Straßensperren, die ich soweit in Zimbabwe getroffen
habe, zeichneten sich stets durch besondere Herzlichkeit und
Hilfsbereitschaft aus. Vielleicht liegt es am hohen Bildungsniveau
der meisten Erwachsenen (jaja – noch so ein falsches Vorurteil), oder
am geringeren Einkommensgefälle (wenn man die Eskapaden der
herrschenden Kaste absieht), jedenfalls wäre Zimbabwe alleine seiner
Bewohner wegen eine Reise wert, mit denen man sich dank der
großartigen Natur nicht einmal begnügen braucht. Jedenfalls nehme
nach kurzem Zögern die Einladung an und werde mit großem Hallo,
Handschlägen und einem kalten Dosenbier begrüßt. Alle hier
arbeiten mehr oder weniger regelmäßig in Victoria Falls und
verbringen ihre Freizeit mit der einzigen Beschäftigung, die man
sich als Arbeiter hier leisten kann – Trinken. Zwar ist mit
Einführung des US$ und des südafrikanischen Rand als offizieller
Währung die Hyperinflation gestoppt, aber dafür liegen die Preise
nun auf hohem Niveau. Und weil US$ 1 für eine Dose Bier für viele
immer noch zu teuer ist, um ihren trainierten Lebern einen Vollrausch
zu finanzieren, hilft man sich mit einem alten englischen
Hausmittelchen: Officer’s. Aus einem kleinen Plastikbeutelchen im
Retro-Design wird dazu hochprozentiger Alkohol in die Bierdose
gemischt und so das lokale Starkbier gemischt. Hochprozentig und so
widerlich, dass ich nach einem Schluck dankend und hustend ablehne.
Aber in der schwülen Hitze merke ich auch die drei „unverbesserten“
Bier, zu denen ich in freundlicher Atmosphäre beim Gespräch über
Gott, die Welt und natürlich Fußball („Aus Deutschland?! Jaja –
Michael Ballack… Ihr habt gute Chancen auf den WM-Titel!“)
genötigt werde. Als ich aber beschließe zurück in den Backpacker
zu gehen und meinen Anteil bezahlen will ernte ich lautstarken
Protest. Man habe die Einladung ernst gemeint und das hieße ja wohl,
dass man mir auch die Getränke bezahle! Vielleicht liegt es am
Alkohol, jedenfalls bin ich mehr als gerührt, dass diese Leute, die
sich jeden Dollar vom Mund absparen müssen, mir Tourist unbedingt
die drei Bier bezahlen wollen. Ich bedanke mich natürlich
überschwänglich und lasse beim Rausgehen dem Tisch noch eine Runde
auf meine Rechnung zukommen – so würde man es ja nun auch in Köln
machen.

[Der “Donnerde Rauch” der Victoria Falls ist besonders in der Regenzeit beeindruckend]