In
unregelmäßigen Böen greift der starke Wind aus westlicher Richtung
nach unserem Auto, rüttelt kräftig daran und lässt ebenso
plötzlich, wie er gekommen ist, wieder von uns ab. Im
vorausliegenden Grau der Wolken zeichnet sich eine dunkle, wie mit
dem Lineal gezogene Kante ab. Rechts und links davon verdichten sich
dunklere Schwaden langsam zu Kegeln. Schließlich tritt die
Silhouette des Tafelberges, umrahmt von Lionshead und Devils Peak,
majestätisch aus dem grauen Dunst hervor und ein merkwürdiges
Gefühl von Vertrautheit stellt sich ein. Wir sind wieder zurück in
Kapstadt! Zurück dort, wo Strom und Handyempfang selbstverständlich
sind, wo verschwenderisch bestückte Supermärkte an jeder
Straßenecke stehen, wo man sich wieder angewöhnen muss die
Autotüren zu verriegeln.

[Der Tafelberg grüßt schonaus weiter Ferne.]

Während
der Reise vom südafrikanischen
Hinterland durch die Hochebenen von Lesotho, vom geschundenen
Zimbabwe zu den wilden Savannen von Botswana und weiter durch die
Kalahari-Hochebene Namibias hinunter zur Atlantikküste überbieten
sich unsagbare Eindrücke ein ums andere. Jeder Tag muss neu bestaunt
werden, auch wenn man eigentlich noch vom Gestern vereinnahmt wird.
Zum Reflektieren blieb da wenig Zeit – zum Schreiben gar keine. Das
eine, wie das andere, hole ich nun langsam nach.

[Der Storm-River Mouth trägt seinen Namen nicht zu unrecht.]

Dabei
werde ich mich davor hüten das Unmögliche zu versuchen und die
unbeschreiblichen (!) Landschaften Afrikas zu beschreiben. Ich würde
sinnlos Adjektive und Superlative in eine Feuerwerk verbrennen, ohne
einen wirklichen Eindruck davon vermitteln zu können. Das überlasse
ich eingestreuten Fotos, die zwar auch weit hinter der Realität
zurück bleiben, aber dabei wenigstens nicht ganz so hilflos wirken.

[Der Otter-Trail an der Garden-Route gehört zu den berühmtesten Wanderwegen Südafrikas und ist für Jahre ausgebucht. Gut, dass man wenigstens den ersten Teil auch ohne Genehmigung gehen kann.]

Aber
es sind ohnehin nicht die Landschaften, die einen nachhaltig prägen
und jede Reise einzigartig machen – es sind die Menschen, die man
trifft. Der Polizist an einer nächtlichen Straßensperre in Zimbabwe
oder der auf Tourismus umgestiegene Fischer aus dem Okavango-Delta
prägen das Bild ihres Landes mehr, als dessen Postkartenmotive. Sie
lassen sich nur nicht so leicht verschicken…

Wir
müssen leider draußen bleiben(Queenstown, Free State/Südafrika)

Das
fahle Licht einer blanken Neonröhre macht die bestenfalls als
zweckmäßig zu beschreibende Bar nicht gerade gemütlicher. Das
einzig lebhafte in diesem gekachelten Raum mit fleckigem
Billard-Tisch und abgenutzten Barhockern gruppiert um eine sterile
Plastiktheke ist ein plärrender kleiner Fernseher in der hinteren
Ecke des Raumes. Aber man erwartet auch nicht viel, wenn man den
einzigen Campingplatz in Queenstown im Free State anfährt. Hierher
verirren sich kaum Touristen und wenn doch, dann nur um
schnellstmöglich den kargen, irgendwie landwirtschaftlich geprägten
Staat zwischen Wild Coast und Johannesburg zu durchqueren.

Ein
fülliger Mann zwängt sich hinter der Bar entlang, erwidert meinen
Gruß mit einem Grunzen und verschwindet hinter einem Vorhang mit der
Aufschrift „Private Party – No Entry“. Mit meinem Bier kehrt auch
die Kellnerin, gleichzeitig Besitzerin des Campingplatzes und Ehefrau
des Fülligen, zurück. Wir plaudern ein wenig belanglos dahin, bis
sie schließlich als gute Gastgeberin mit dem Kopf in Richtung
Vorhang deutet und sagt, dass heute dort eine kleine Party
stattfinden würde und natürlich wären wir als Gäste auch ganz
herzlich eingeladen. Das sei ja nun eine Selbstverständlichkeit! Ich
wunder mich ein wenig wer sich denn außer Campingplatzgästen noch
hierher, 10km die verlassene Landstraße in Richtung Nirgendwo,
verlaufen soll. Sie scheint meinen irritierten Blick zu bemerken und
meint lächelnd: das mit dem Schild solle ich nicht zu ernst nehmen –
das sei nur, um „Die Schwarzen“ (Gäste) draußen zu halten. Mit
dem Schluck Bier bleibt mir auch eine herausfordernde Antwort im
Halse stecken.

[There is nothing to do in Freestate.]

Verstehen
Sie Pass? (Grenzübergang Telebridge, Lesotho)

Gut,
dass zwischen uns und dem Grenzbeamten eine hölzerne Absperrung
durch die Grenzhütte gezogen ist, sonst wären wir durch die wild
ausladenden Hand- und Armgesten vermutlich schon verletzt worden. Ein
weiterer unverständlicher Redeschwall, begleitet von vehementem
Wedeln mit unseren Pässen. Mit Englisch geht es hier nicht weiter.
Obwohl es eigentlich klar sein sollte, dass das einzige, was vier
weiße Touristen am Grenzübergang Telebridge wollen könnten die
Einreise nach Lesotho ist, scheint es ein ernsthaftes
Verständigungsproblem zu geben. Der Beamte kratzt sich
gestikulierend unter den Armen. -Nein. Krankheiten haben wir keine.
Wieder schwappt das Gerede durch die Hütte und mir dämmert langsam,
was hier vor sich geht: er will nicht verstehen! Weltmännisch
schiebe ich also 50 Rand – etwa viermal so viel wie die Einreise
kosten dürfte – über den Schalter. Lächelnd nimmt er das Geld und
legt es beiseite. Ich glaube wir verstehen uns jetzt. Aber vielleicht
war es doch nicht genug – das Gestikulieren geht weiter, konzentriert
sich jetzt auf Lina, die er, sollte sie nicht verheiratet sein, wohl
ehelichen möchte. Das zumindest könnte das heftige Deuten auf die
Ringfinger bedeuten. Also doch zurück nach Südafrika und einen
anderen Grenzübergang nehmen? Oder einfach mehr Bestechungsgeld
anbieten? Plötzlich nimmt er unsere Pässe, stempelt ebenso heftig,
wie er vorher durch die Luft gewedelt hat unsere Pässe und fragt uns
grinsend und in einwandfreiem Englisch, wo in Lesotho wir denn hin
möchten. Mit unseren gestempelten Pässen reicht er uns mit einer
Geste der Selbstverständlichkeit das korrekte Wechselgeld und
begleitet uns noch zum Auto, um uns Tipps für die Weiterfahrt zu
geben und uns eine schöne Zeit im Mountain Kingdom zu wünschen.
Nachdem mein anfänglicher Ärger Erleichterung und Belustigung
gewichen ist muss ich ihm innerlich Respekt zollen. Er hat jede
unserer vorurteilsbeladenen Erwartungen über das ungebildete,
korrupte Afrika erfüllt und übertroffen – und uns eine
augenzwinkernde Lektion erteilt.

[Das Warten hat sich gelohnt: Lesotho, das Dach Afrikas.]

Dies ist der erste von drei Teilen über Begegnungen auf dem Weg von Kapstadt nach Kapstadt. Die nächsten dauern nicht so lange, wie dieser hier 😉