Es ist eine weit verbreitete Ansicht, dass man eine Fremdsprache am
besten durch einen Aufenthalt im jeweiligen Sprach- und Kulturkreis
erlernt. Aus diesem Grund werden jährlich zigtausende Schüler und
Studenten von einer brummenden Austauschmaschinerie in die Welt
hinaus geworfen, um das eigene Leben – vor allem aber den eigenen
Lebenslauf – zu bereichern. Diese Austauschnomaden treffen im
Ausland meist enttäuschender Weise nicht vorwiegend auf urige
Einheimische, sondern auf ihresgleichen.

Wie
Kieselsteine in einem unruhigen Flussbett werden die Austauschnomaden
nun, vom kulturellen Durcheinander hin und her geworfen, nach und
nach zu einer einheitlichen Norm geschliffen – den
„Internationals“. Dieser Prozess braucht seine Zeit und ca. zwei
Austauschprogramme, dann aber ist der ehemalige Nomade im globalen
Dorf sesshaft geworden. Er war dann mindestens 2 Jahre im Ausland,
spricht mindestens drei Sprachen, hat in mindestens vier Ländern
gelebt und sein Small-Talk kommt mit höchstens fünf Themen aus
(Woher kommst du? Was machst du hier? Wie lange bist du hier? Wo
warst Du sonst schon? Sollen wir Nummern tauschen?). Sich selbst
sieht er klammheimlich gerne als aufgeklärte, interkulturell
interessierte Speerspitze der globalen Inteligentia, wobei die Anzahl
der bereisten Länder direkt proportional zur eigenen Toleranz ist.
Eine dem „International“ verwandte Art ist übrigens der
„Backpacker“, dessen einziger Unterschied der ist, dass er im
Gastland nicht an eine Schule oder Uni gebunden ist und deshalb seine
ganze Zeit dem Erleben authentischer Eindrücke widmen kann, wie sie
in seinem abgegriffenen Lonely
Planet

vorgeschrieben sind.

Beiden gemein ist, wie gesagt, der Hang zur Herdenbildung, was den
Fremdsprachenkenntnissen eigentlich nicht gut tun dürfte. Es sei
denn man verbucht es als Erfolg den knorrigen deutschen gegen einen
beliebigen irgendwo-aus-Europa Akzent eingetauscht zu haben.

Aber tausende Personalchefs (die sich gerne Human Resource Manager
nennen, falls sie selber mal ein „International“ waren) können
sich nicht irren. Und ich will auch nicht unfair sein. Natürlich
stimmt es, dass man eine Sprache ganz anders erlebt und erlernt, wenn
man sich ständig in ihrem Wirkkreis aufhält. Der Aufenthalt in
einer anderen Sprache hat aber noch einen weiteren Effekt, den man so
kaum im Englisch- oder Französischunterricht vermitteln kann: der
Alltäglichkeitsschleier, der die eigene Muttersprache umgibt, wird
mit zunehmender Distanz durchsichtiger. Was man vorher nie
hinterfragt, weil von der Wiege auf gelernt hat, kommt einem auf
einmal besonders, eigenartig, vielleicht sogar einzigartig vor.

Ich
hätte nie gedacht, wie sehr ich die deutsche Sprache in ihrer kalten
Präzision vermissen würde. Aber ich tue es. In englischsprachigen
Gesetzen oder Verträgen wird beispielsweise oft und gerne das Wort
„shall“ benutzt. Ob das nun bedeutet, dass der Gegenpart etwas
tun muss,
etwas tun soll,
oder etwas tun sollte
bleibt dabei völlig unklar und ist – ebenfalls oft und gerne –
Grund für Streitigkeiten. Wenn man Glück hat und es z.B. um einen
völkerrechtlichen Vertrag geht, gibt es meist noch andere
Übersetzungen, die diese englische Ungenauigkeit beseitigen können.
Gerade die französische Übersetzung wird dazu gerne heran gezogen,
wahrscheinlich weil Französisch einfach die Sprache der Diplomatie
ist. Und das wiederum könnte daran liegen, dass Französisch zwar so
schön wie ein blumiges Ornament ist, aber auch ebenso
unübersichtlich. Die deutsche Sprache hingegen ist weniger wie ein
Bild, als ein Konstruktionsplan: unübersichtlich und furchtbar
kompliziert für den Laien, hingegen strukturiert und voll nützlicher
Informationen für den, der sich damit auskennt – und das ohne
unnötig Worte zu verlieren. Gerade die Eigenart, Wörter aus
anderen nach Bedarf zusammen bauen zu können wie mit Legosteinen
macht die deutsche Sprache zu dem, was dem verbreitetsten Vorurteil
nach ihre Verwender ohnehin sind: gnadenlos effizient. Es stimmt:
Deutsch klingt nicht so schön wie Französisch, sieht nicht so gut
aus wie Arabisch, wird nicht so viel gesprochen wie Chinesisch und
ist nicht so unglaublich wichtig wie Englisch. Sie ist weniger für
Liebesgedichte gemacht, als für Cornflakes-Packungen. Denn wer auf
einer solchen im südafrikanischen Supermarkt den unbeholfenen
Hinweis

„[This
package is sold by weight not by volume. Some settling of contents
may have occured during shipping and handling
.]“

entdeckt,
wird vermutlich schmunzelnd denken: “[Füllhöhenschwankung
transportbedingt
.]”

Denn
das ist wahre Leistungs-Lyrik.

Nicht immer so einfach, mit der Sprache… Vor allem in einem Land, in dem die Hauptverkehrssprache von fast niemandem muttersprachlich gesprochen wird. Da fühlt man sich doch direkt heimisch.