Deutschland hat also
gewählt. Und obwohl niemand Selbstmordanschläge, Repressionen, Überwachung oder
auch nur Langeweile beim stundenlangen Schlangestehen fürchten musste war die
Wahlbeteiligung – wieder mal – beschämend gering. Vielleicht ein Grund kurz
inne zu halten und sich zu fragen, ob unsere Staatsform, die wir jedem
aufdrängen, der nicht danach gefragt hat, wirklich so wunderbar ist. Knapp 30
Prozent der Deutschen scheinen da nicht so sicher…

Und diejenigen, die von
ihrem demokratischen Recht Gebrauch gemacht haben, wollten mehrheitlich
schwarz-gelb am Ruder sehen. Aus südafrikanischer Perspektive, artikuliert von
einem Die Welt-Schreiberling in der aktuellen Ausgabe von Mail &
Guardian, ist die sozialromantische Zeit von New Labour in Europa damit
endgültig vorbei. „Merkel could be
Germany’s Thatcher
“ wird freudig und ohne jeden Zynismus getitelt.

Wobei die aktuelle Finanzkrise
nicht durch zu viel Staat, zu rigide Vorschriften, zu erdrückende Steuern oder
zu strikten Kündigungsschutz ausgelöst wurde. Sie wurzelte vielmehr in einem
von Gier befeuerten Streben nach Profit um jeden Preis – genau das, was ein homo
oeconomicus
in einem funktionierenden Markt tun sollte. Wer einen
Dampfkessel immer weiter anheizt muss sich nicht wundern, wenn der schließlich
explodiert – das liegt in der Natur eines
Kessels. Und wenn er explodiert hat nicht der Kessel, sondern der Heizer
versagt. Ungeachtet dessen, dass die Finanzkrise eigentlich die
wirtschaftsliberale Agenda der FDP zu
tiefst erschüttert haben sollte, wird stoisch das Mantra vom selbstregelnden
Markt gebetet. Damit bietet sich die FDP immerhin als unbeirrter, standfester
Fels in der Brandung an, auf den offenbar viele Wähler gebaut haben. Wer es in
einer komplizierten Welt allerdings beruhigend findet, wenn jemand unbeirrt von
vernünftiger, rationaler Argumentation bleibt und standfest die mit der eigenen Vorstellung verbundenen
negativen Konsequenzen nicht erkennt, bzw. nicht anerkennt, der sei daran
erinnert, dass so etwas gemeinhin einen Fanatiker ausmacht.

Aber was hat all das mit
Südafrika zu tun? Nun ja: in gewisser Weise ist Südafrika fast eine
wirtschaftsliberale Utopie. Kein kostenintensives Sozialsystem, so gut wie
nicht vorhandener Kündigungsschutz, geringe Umweltstandards und
wirtschaftsfreundliche Gesetzgebung
bereiten die Arena der größten Wirtschaftsmacht südlich der Sahara. Dass es
dazu kam war kein neoliberales Wunder, sondern der Preis der Freiheit.

Wie Neville Alexander in
seinem Buch An Ordinary Country bemerkt
verlief die Überwindung des Apartheidsregimes in Südafrika deshalb so
glimpflich, weil es letztlich nicht mehr um die Verteidigung der weißen
Vorherrschaft ging – dass diese über kurz oder lang an internationalem und
demographischem Druck scheitern würde war den meisten weißen
Entscheidungsträgern klar. Dies vor Augen ging es der alten Elite nur noch um
die Verteidigung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse. Der Deal lautete:
politische Rechte gegen Sicherung der alten Pfründe. Dieser Pakt wurde
schließlich mit Geld begossen: den ehedem streitbaren Freiheitskämpfern wurde
die Pforte ins goldene Reich des Luxus geöffnet. Sichtbarstes Zeichen dieser
“Black Diamonds” sind ihre schweren Autos. Den Begriff “BMW” umschrieb ein Südafrikaner
beim Gesellschaftsspiel Tabu so:
“Wird von Ministern gefahren”. Die Antwort der Mitspieler kam prompt und
richtig.

Dies alles ist kein
wirtschaftsliberales Phänomen. Es ist aber nötig um zu verstehen, warum trotz
der früheren Nähe des ANC zur kommunistischen Partei und dem Versprechen sozialen
Umverteilung auf ihrer Fahne die auf Jahrhunderten von Separation und
Ausbeutung fußende Verteilung von
Wohlstand in Südafrika auch nach dem Ende der Apartheid nicht angetastet wurde.

Viele (westliche und weiße)
Meinungsmacher behaupten, dass genau das der Grund für den wirtschaftlichen
Erfolg Südafrikas sei. Anders als andere Länder hat(te) Südafrika in der Tat
eine recht robuste Wirtschaft mit teils
ansehnlichem Wachstum. Aber wem nutzt das? Anders als oft behauptet nutzt eine
prosperierende Wirtschaft vor allem denjenigen, die bereits etwas haben:
Kapital, Güter oder wenigstens Arbeit (wobei Arbeiter ohne Kündigungsschutz,
Mindestlohn und sozialer Absicherung ihre wirtschaftliche Teilhabe eher
geliehen bekommen haben). Und wer mehr hat, profitiert auch mehr vom Wachstum.
Weil Südafrika 1994 mit dem Großteil der Bevölkerung als schwarze und farbige
Habenichtse in die Freiheit aufbrach und diese historisch ererbte Ungleichheit
nicht angetastet wurde, hat die südafrikanische Gesellschaft heute die größte
ökonomische Ungleichheit der Welt. Aber es gibt einen kritischen Punkt, ab dem
eine Gesellschaft ökonomische Ungleichheit nicht mehr kompensieren kann. Wenn
die oberen und unteren Enden einer Gesellschaft immer weiter auseinander
gezogen werden reißt irgendwann der stillschweigende Gesellschaftskonsens wie
ein überanspruchtes Gummiband. Die Symptome einer derart zerrissenen
Gesellschaft sind Kriminalität, Misstrauen, und mangelnde Solidarität – und
Südafrika leidet daran mehr als die meisten Länder der Welt. Selbst Freunde aus
Zimbabwe und Kenia – weitaus ärmere Länder als Südafrika – sind von den
hiesigen Verhältnissen schockiert. Denn wer etwas hat flüchtet sich hinter
Mauern, Nato-Draht, Gitter und elektrische Zäune vor denen, die nichts haben.
Das Misstrauen aller gegen alle sitzt tief und ist ansteckend.

Wer glaubt
gesellschaftliche Solidarität – vom Sozial- übers Gesundheitssystem hin zu
Kündigungsschutz – sei ein Relikt aus wirtschaftlich besseren Zeiten, dem sei
eine Reise nach Südafrika abseits der Game Lodges ans Herz gelegt. Wir
sollten uns darüber im Klaren sein, dass wir in Europa deshalb nachts durch die
Stadt gehen können, nicht jedes 2. Kind Opfer von Kriminalität ist und wir
nicht ständig vor unseren Mitbürgern auf der Hut sein müssen, weil unser
Gesellschaftskonsens noch nicht unter dem Druck ungleicher Verteilung zerrissen
ist. Aber Tendenzen sind auch bei uns erkennbar. Der Sozialstaat hat einen Wert
, der weit über materielle Absicherung des Einzelnen hinaus geht – für jeden
von uns. Von hier unten aus habe ich den Eindruck, dass das im ruhigen
Deutschland manchmal allzu leichtfertig vergessen wird.