Beim
Durchlesen meiner letzten Blogeinträge drängt sich mir der Eindruck auf
Südafrika – und Cape Town im Besonderen – sei… jedenfalls interessant. Ein
Adjektiv, in dem mit der Neugierde auf Unbekanntes auch stets eine gewisse
Zurückhaltung, die Angst und das Misstrauen vor Neuem lauern. Den antiken
Chinesen, ohnehin ein eher beschaulicheres Völkchen, wenn man bedenkt, dass das
Beamtentum (nicht Drachentöter) den höchsten Ruhm genoss, war das Interessante
sogar so unheimlich, dass man es anderen anstelle der Pest (die europäische
Variante) an den Hals wünschte: „Mögest Du in interessanten Zeiten leben!“ Der
langen Einleitung recht kurzer Sinn ist, dass es außer den eher
ambivalent-interessanten Dingen in Südafrika auch einfach nur Schönes gibt.
Eine über den menschlichen Problemchen erhabene, atemberaubende Landschaft mit
einer für Europäer geradezu aberwitzig reichen Tierwelt. Obwohl man auch in
Cape Town Wolken über den Tafelberg fließen sieht und Perlhühner jeden Abend
den Garten bevölkern wird man doch allzu schnell wieder von diesen Wundern
Afrikas abgelenkt – durch den hupenden Minibus neben einem oder den bewaffneten Mitarbeiter einer
privaten Sicherheitsfirma, der die Perlhühner mit seinem über reiche
Grundstücke leckenden Scheinwerferkegel verscheucht. Will man also ungestört
das nur schöne Afrika erleben, muss man dort hin fahren, wo weniger bis gar
keine Menschen sind.

Letztes
Wochenende haben Lina und ich so eine Flucht unternommen und wurden reichlich
dafür belohnt. Durch die umliegenden Berge, die die Küste wie steinerne Wellen
umgeben und zwischen sich große fruchtbare Täler bilden, fuhren wir zunächst in
die Little Karoo. Dem Reiseführer nach sollte es eine Halbwüste sein, mit ihren
saftigen Hügeln hatte diese Trockenzone aber eher sauerländischen Charme – wenn
man von den Straußen am Straßenrand absieht. Diese kleine Enttäuschung wurde
aber vollends durch die Fahrten durch eben jene umgebenden Gebirge kompensiert.
Durch tiefe Schluchten roten Gesteins, das sich fast schon unwirklich gegen
einen strahlend blauen Himmel abzeichnete, ging es weiter in Richtung Küste zum
De Hoop Nature Reserve.

Dort,
am Ende einer schier endlosen Staubstraße, eingerahmt zwischen mit Fynbos (dem
hiesigen etwa brusthohen Buschbewuchs) bedeckten Hügeln, Sanddünen und dem Meer
wurden wir erst einmal von einer Herde Kap-Zebras begrüßt, die sich ohne Scheu
das Grasland neben der Straße mit Elans und Buntböcken teilten. Wir dachten
zuerst unglaubliches Glück gehabt zu haben, aber weit gefehlt. Als wir am
nächsten Tag eine Fahrradtour durch das Reservat zur Küste hindurch machten
kamen wir an ganzen Herden von Wildtieren vorbei und durch eine besonders große
Elan-Herde sogar hindurch. Die Strapazen sein geliehenes Mountainbike über von
Jeepreifen geschlagenen Pfaden durch die trotz frischen Windes immer noch
spürbare Hitze zu quälen sind schlagartig vergessen, wenn sich vor einem der
Fynbos teilt und wahlweise Zebras, Bunt- und Springböcke, Strauße oder Paviane
frei gibt. Und es sollte noch besser kommen.

Endlich
am Meer angekommen hielt ich die vielen schwarzen Schatten vor der Küste
zunächst für kleine Riffe – bis sich eines von diesen Riffen aus dem Wasser wuchtete
und als massiger Wal wieder in die Wellen stürzte. Und es war nicht nur dieser
eine Wal. Von den weißen Sanddünen aus bot sich einem ein Blick über mindestens
ein Dutzend Wale, die mit ihren gewaltigen Flossen winkten, sprangen, prusteten
oder sich einfach von den Wellen hin und her wiegen ließen. Ein unvergesslicher
Anblick, der sich kaum auf Fotos festhalten lässt. Ich hab es trotzdem mal
versucht.

Von
der Fahrradtour und den Eindrücken erschlagen haben wir uns dann erst einmal
eine halbe Stunde aufs Ohr gelegt. Eine Gelegenheit, die Diebe macht… Denn kaum
waren wir aufgewacht sprang keine 30cm von unserem Bett entfernt ein großer
Pavian auf und flüchtete durch ein von uns fahrlässig offen gelassenes Fenster
in der Tür. Offenbar hatte der mit exquisitem Geschmack ausgestattete
Allesfresser die Zeit genutzt, um die sündhaft teure Salami, unsere Kekse und
einen Apfel als Nachtisch aus unserem Rondell zu stehlen und wurde gerade bei
dem Versuch gestört sich an den Kühlschrank zu machen (der zwar leer war, aber
woher soll der Affe das wissen?). Einen Kaffee zum wach werden brauchten wir
beide nicht mehr – so ein Pavian direkt am Bett weckt Urinstinkte und
Adrenalin. Ähnlich wirkt sich übrigens die Entdeckung aus, dass der Stein, auf
dem man eben noch zum Picknick gesessen hat, eigentlich die Unterkunft eines
Skorpions ist… Er war aber friedlich (hatte anscheinend eine lange Nacht) und
hat sich sogar fotografieren lassen.

Am
nächsten Tag wurde sich noch ordentlich von den Walen verabschiedet, dann
fuhren wir weiter zum obligatorischen Touristenfoto am Cape Aghulas. Es gibt nun
einmal Fotos, wie das Stützen des Turmes von Pisa oder der Biss in den Berliner
Fernsehturm, an denen man nicht vorbei kommt. Selbst wenn das gehässige
Stimmchen im Hinterkopf ständig „Tourist! Tourist! Tourist!“ äfft. Denn außer
eben jenen Touristen, einem ganz netten Leuchtturm und – natürlich – dem
südlichsten Punkt des Kontinents gibt es in Cape Aghulas eigentlich nichts zu
sehen. Fotos haben wir natürlich trotzdem gemacht. Stimmchen hin oder her.

Wer
zur Wal-Saison im De Hoop Nature Reserve war kann sich getrost den Umweg über
die sog. Wal-Stadt Hermanus sparen, den wir trotzdem gemacht haben. Die zwei,
drei Wale in der bebauten Bucht waren zwar an sich auch beeindruckend, konnten
aber natürlich nicht im Geringsten mit dem De Hoop mithalten.