Es ist Sonntag. Draußen pfeift ein stürmischer Wind durch die Bäume,
über den Ozean und durch die mangelhaft isolierten Fenster in unsere
Wohnung hinein. Eigentlich sollte man dieses Wetter nutzen um Cape
Point zu besuchen, den peitschenden Wellen am Strand zuzugucken oder
sehr robuste Drachen steigen zu lassen. Aber mein Cape heißt heute
Corporate Governance und um dem noch einige weitere Minuten zu entgehen
nutze ich die Gelegenheit etwas über Lernen in Kapstadt zu schreiben.

An der Uni ist das anfängliche Chaos nicht stattfindender, über-, bzw.
unterbelegter Kurse dem alltäglichen Chaos aus verschwindenden
Workshops, stattdessen urplötzlich auftauchenden Lehrgängen und
Kommunikationsproblemen gewichen. Wer sich die UCT als afrikanische Uni
oder das, was wir in Europa dafür halten, vorstellt liegt allerdings
weit daneben. Was Raumausstattung, Internetzugänge, Computerplätze und
Arbeitsatmosphäre angeht tut die Uni Köln gut daran so weit weg zu sein
– einen direkten Vergleich würde sie nämlich klar verlieren. Der Campus
liegt im Norden der Stadt direkt unterhalb des Table Mountain und
gliedert sich in drei verschiedene Teile. Der Upper Campus besteht
größtenteils aus altehrwürdigen Gebäuden und erinnert sehr an
amerikanische Elite-Unis oder das, was wir in Europa dafür halten. Die
juristische Fakultät ist auf dem Middle Campus untergebracht und sieht
aus wie eine Kreuzung aus praktischem Backstein-Bau, Tempelanlage und
Gartencenter. Wie in Köln scheint sich auch hier die Erkenntnis
durchgesetzt zu haben, dass Fenster in Hörsälen nur ablenken. Da man
hier entweder auf den Table Mountain, oder über die weite Fläche der
Capeflats blicken könnte ist diese Befürchtung aber durchaus nicht
unbegründet. Der Lower Campus ist weniger interessant. Er beherbergt
alle möglichen kleineren Institute, Verwaltungsgebäude und vor allem
das unieigene Fitness-Center.

Bilder: Upper Campus, Kramer-Law-Building (Lichthof), Kramer von außen

Jede Woche fahre ich von diesem
exzellenzdurchklusterten Leuchtturm zu einer völlig anderen Stätte des
Lernens: zum SHAWCO-Center im Township Khayelitsha. Dieser Township ist
das größte in Kapstadt und liegt nur ca. 20 Autominuten von der Uni
entfernt in Richtung False Bay. Dicht gedrängt leben hier gut eine
Million Menschen in Holz- oder Blechhütten und, wenn sie mehr Glück und
viel Geduld hatten, auch teilweise ordentlichen Ziegelhäusern (die
Wartezeit für eine solche staatliche Unterkunft beträgt derzeit
ungefähr 15 Jahre). Wasser und Strom, soweit vorhanden, müssen die
Bewohner mit Prepaid-Karten bezahlen, die ganz ähnlich aussehen und
funktionieren wie die fürs Handy. Wer es sich nicht leisten kann – und
das sind viele – der heizt eben mit Holz. Zusammen mit der lebensmüden
und oft illegalen Verkabelung des Stromnetzes ist das der Grund dafür,
warum die eigentlich sehr feuchten CapeFlats immer wieder Schauplätze
großer Brände werden. Keine ideale Umgebung um sich selbständig zu
machen. Trotzdem (und weil es für die meisten die einzige Möglichkeit
ist überhaupt etwas Geld zu verdienen) gedeiht in diesem Milieu ein
ganz besonderes Unternehmertum heran. Aufopfernd bis zum Limit und mit
verzweifelter Beharrlichkeit versuchen sie sich eine Existenz
aufzubauen. Dabei werden diese Township-Unternehmer von der
studentischen Organisation SHAWCO unterstützt, die ihnen die Grundzüge
unternehmerischen Handelns vermittelt. Obwohl ich weder ein Experte im
Marketing, noch in Preisanalyse oder Buchhaltung bin arbeite ich mich
jetzt jeden Dienstag mit etwa 15 angehenden Unternehmern zwischen 19
und 48 und 1 weiteren Studenten 3 Stunden durch die trockene Theorie
des erfolgreichen Entrepreneurs (man sieht wie viel das mit Zahlen zu
tun hat!). Und wenn wir Glück haben wird mit unserer Hilfe bald die
erste Pizzeria Khayelitshas’ eröffnet… Ich bin gespannt.


Nicht der Township, sondern das wohlhabende Camps Bay. Hier der Strand…

… und hier der Hang, an dem wir wohnen.