Waren Sie schon
einmal bei uns? Nein. Sind Sie Bluter? Nein. Haben Sie Allergien? Nein. Zahlen
Sie bar? … Moment. Die Frage kannte ich noch nicht. Und doch bewirkte sie, wie
sie sich fast schüchtern zu den anderen Fragen gesellte, dass ich meinen Besuch
beim südafrikanischen Zahnarzt ganz anders wahrnehmen sollte. Bisher galten
alle meine hektischen Gedanken, sobald sich der Stuhl surrend in eine Position
irgendwo zwischen unbequem überkopf liegen und beinahe-von-der-Liege-rutschen
bewegte, dem sicherlich nicht mehr fernen Schmerz. Nicht aber, wenn man
umgerechnet „nur“ gut 150 Euro in der Tasche und die unschuldige Frage mit
Ja. beantwortet hat. Jeder Handgriff der routiniert-gelangweilten Zahnärztin,
die mir beruhigend oft ihr Tun erklärte, indem sie schlicht „Open!“ befahl,
wurde von mir argwöhnisch auf versteckte Kosten untersucht. Betäubungsspritze?
Kostet sicherlich ein Vermögen. Abgelehnt. Nein. Untersuchen Sie nicht alle
Zähne. Nur den einen. Kenne ich diese Paste aus Deutschland, oder will sie mir
eine unnötige, sauteure Reinigungspaste auf Silberbasis aufdrücken, um sich
nach getaner Arbeit bei einem Cosmopolitan an der Waterfront über den „German
Douchebag“ lustig zu machen, der ihr den Abend bezahlt? Mit diesen krämerhaften
Gedanken ist nicht leicht klar zu kommen, wenn man von Zahnmedizin so gut wie
gar keine Ahnung hat. Das ist letztlich aber auch besser. Denn ein eventueller
Protest gegen die Cosmopolitan-Salbe wäre durch die Wattebäusche und
Instrumente zwischen mir und meiner Sprache ohnehin nicht möglich gewesen. Das
ständige Misstrauen – sicherlich nicht
ganz unberechtigt, wenn ich an das ziemlich überflüssige Piccolo-Röntgenbild
denke, das gemacht wurde – überlagerte jedenfalls zu jedem Zeitpunkt meine
Angst vor Schmerzen. Hätte ich allerdings jemals Vertrauen zu Zahnärzten gehabt
– es wäre spätestens mit diesem Besuch zerrüttet worden. Für mich steht
jedenfalls fest, dass in der Beziehung zwischen Arzt und Patient die Sorge um
das Geld weder auf der einen, noch auf der anderen Seite eine Rolle spielen
darf. Es ist eine Sache, wenn mein aufgebocktes Auto einen überflüssigen Satz
Winterreifen verpasst bekommt. Meinen Arzt zu belauern, ob er mir aus
Profitgründen oder aus medizinischer Notwendigkeit eine Spritze in den Gaumen jagen will ist etwas völlig anderes.

Im Aufzug von der
Zahnpraxis zurück zum Parkdeck stiegen zwei Farbige zu mir in den Fahrstuhl und
fragten, ob ich – der ich offenbar immer noch 10m gegen den Wind ausländisch
aussehe – vom Lufthansabüro käme. Als ich verneinte und mit rollenden Augen auf
den Zahnarzt im 12. verwies, erwiderte er mein Grinsen mit mehr Lücke als Zahn
als er sagte: „Sehr gut. Dann lassen Sie doch nächstes Mal, wenn sie zum
Zahnarzt gehen, ihr Auto auf dem oberen Parkdeck waschen. Wir sind sehr
gründlich.“ Auf einmal kam mir unglaublich schäbig vor. Statt der typischen mitleidigen
Antwort, derer sich bei uns jeder Zahnarztpatient kurz vor oder nach seiner
Behandlung sicher sein kann, wurde ich daran erinnert, dass der scharfe
Medikamentengeschmack in meinem Mund für
viele ein Luxus ist. Wie schon vorher geschrieben: eine allgemeine
Krankenversicherung existiert (noch) nicht und wer es sich nicht leisten kann
100 Euro für einen halbstündigen Zahnarztbesuch zu bezahlen (mein Geld hat also
gereicht), der muss es entweder in überfüllten und unterbesetzten öffentlichen
Krankenhäusern versuchen, oder es gleich sein lassen. Der Autowäscher schien
über diese gesellschaftszerreißende Ungerechtigkeit, als deren Symptom ich vor
ihm stand, keineswegs verbittert. Im Gegenteil schenkte er mir beim Aussteigen
noch ein aufrichtiges, zahnloses Lächeln. Wie wenig frühere und aktuelle
Ungerechtigkeiten in den benachteiligten – d.h. schwarzen oder farbigen –
Kreisen für Aufregung sorgen ist mir ohnehin ein großes Rätsel. Ich hätte nie
gedacht, dass ein zugewanderter Kenianer gerne Afrikaans sprechen würde und
über die koloniale Vergangenheit in Afrika schlicht sagt: „Was hilft das Leben
in der Vergangenheit? Wir müssen nach vorne blicken. Hart arbeiten und das
Beste aus uns machen.“ Ich frage mich wirklich manchmal, woher dieser Langmut
kommt und warum es nicht im ganzen Land so zugeht wie in den Townships um
Jo’Burg, die Polizeiwagen bewerfen und Mülltonnen anzünden, weil sie immer noch
weder Wasser, noch Strom, noch Straßen, Krankenhäuser, Schulen oder Chancen haben…

P.S.: keine Sorge – Fotos kommen noch…